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29.08.2025, Lokalredaktion
Die Musikschule Wesermarsch hat beim Amtsgericht Nordenham einen Antrag auf Insolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt. Diese Entscheidung fiel nach intensiver Prüfung der finanziellen Lage und der fehlenden Perspektiven für eine nachhaltige Fortführung. Die Musikschule, die seit Jahrzehnten ein zentraler kultureller und pädagogischer Akteur in der Region ist, steht damit vor dem Aus. Eine Entscheidung des Amtsgerichts auf Annahme des Antrags steht jedoch noch aus. Sollte dieser positiv ausfallen, dann wird ein Insolvenzverwalter die Geschicke der Musikschule in die Hände nehmen, bei einem negativen Bescheid werden die Geschäfte der Musikschule bis spätestens Ende 2025 abgewickelt.
Die Ursachen sind vielschichtig: Die Kürzung öffentlicher Zuschüsse durch den Landkreis, die gescheiterte Fusion mit der Kreisvolkshochschule (KVHS) sowie die rechtlichen und strukturellen Herausforderungen bei der Personalbindung haben die wirtschaftliche Basis der Musikschule massiv geschwächt. Zwar wurde im Jahr 2024 ein einmaliger Zuschuss in Höhe von 150.000 Euro durch den Landkreis gewährt, um Gehälter (rund 30 Prozent) anzupassen und Personal zu halten, doch eine weitere finanzielle Unterstützung – wie bisher – über das Jahr 2025 hinaus – so der Kreistag – wird es nicht mehr geben. „Für uns ist dies eine deutliche Ablehnung von Kultur und Kunst“, sagt Thomas Schröder, Leiter der Musikschule Wesermarsch. „Es ist nun einmal so, wenn man etwas zukunftsorientiert machen möchte, dann muss man schon einmal etwas Geld in die Hand nehmen“, ergänzt Klaus Hanke, Vorsitzender des Trägervereins der Musikschule Wesermarsch.
Die geplante Fusion mit der KVHS scheiterte trotz vorgelegter Konzepte und vollständiger Übergabe aller relevanten Materialien. Stattdessen gründete die KVHS einen eigenen Fachbereich für Musik und Kultur – ohne Einbindung der bestehenden Musikschule. Die Ablehnung des Fusionskonzepts, das sich am erfolgreichen Modell des Landkreises Gifhorn orientierte, wurde mit dem Wunsch nach mehr Autonomie durch den Landkreis begründet. „Ironischerweise wurde auch ein KVHS-eigene Konzept nach dem Vorbild des Landkreises Friesland abgelehnt“, meint Thomas Schröder.
Die Musikschule beschäftigte zuletzt rund 32 Mitarbeitende und betreute zwischen 600 und 1.200 Schüler. Besonders betroffen ist der Bereich der elementaren Musikpädagogik, der aufgrund unzureichender Vergütung kaum noch Fachkräfte gewinnen konnte. Auch das Herrenberg-Urteil führte zu erheblichen Mehrkosten, da Honorarkräfte in feste Arbeitsverhältnisse überführt werden mussten.
Neben dem regulären Unterricht war die Musikschule bekannt für ihre sozialen und inklusiven Projekte: Ensemblearbeit mit Menschen mit Behinderung, Kooperationen mit Schulen und Kindergärten, Talentförderung sowie eine großzügige Sozialermäßigungspolitik, die Kindern aus finanziell schwachen Familien den Zugang zur musikalischen Bildung ermöglichte.
Ein besonderes Highlight war die Beteiligung an der landesweiten Initiative „Wir machen die Musik“, die durch Landesmittel gefördert wurde. Die Musikschule brachte das Projekt in nahezu alle Gemeinden der Wesermarsch – mit Vorreitern wie Brake und Nordenham – und prägte damit die musikalische Landschaft der Region nachhaltig.
Die Geschäftsführung, vertreten durch Britta Birnbaum und Thomas Schröder, betont ausdrücklich, dass die aktuelle Situation nicht durch Fehlverhalten innerhalb der Musikschule entstanden ist. Weder der Schulleiter noch Mitarbeitende oder der Vorstand haben der Institution geschadet. Vielmehr sind politische Entscheidungen auf kommunaler Ebene ausschlaggebend für die nun drohende Abwicklung.
„In all den Jahren der Förderung durch den Landkreis, hat sich dieser nicht um das Projekt „Musikschule“ gekümmert. Es hätte immerhin alle zwei Jahre auch die Möglichkeit gegeben, sich in den Vorstand wählen zu lassen, um mitgestalten zu können“, meint Thomas Schröder.
Der Vorstand besteht aus dem Vorsitzenden, zwei Stellvertretern und in der Vorstandschaft noch ein Vertreter der Städte und Gemeinden sowie die Leitung des Fachdienstes Fachdienst Schulen, Kultur & Sport.
„Wenn man möchte, dass junge Menschen im Landkreis bleiben und sich hier eine Zukunft aufbauen, dann muss man kulturelle Angebote wie Musikschulen erhalten“, betont der Schulleiter. Die Musikschule sieht in der Kürzung der Fördermittel und der Ablehnung der Fusion eine fahrlässige Schwächung der Region. Die Rolle des Schulleiters wurde in den politischen Prozessen zunehmend marginalisiert – Verhandlungen fanden teilweise ohne Einbindung der Leitung statt.
Auch rechtliche Aspekte wurden offenbar nicht ausreichend berücksichtigt: Die Übernahme der Lehrkräfte durch die KVHS hätte arbeitsrechtliche Verpflichtungen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch mit sich gebracht, die nicht ignoriert werden konnten. Neue Verträge hätten bestehende Ansprüche nicht einfach aufheben dürfen – ein Umstand, der maßgeblich zum Scheitern der Fusion beitrug, mutmaßen Thomas Schröder und Klaus Hanke. Zudem wurde der Musikschule kein wirklicher Grund für das Nicht-Zustandekommen der Fusion mitgeteilt wurde.
Die Musikschule plant, ihren Betrieb bis Ende 2025 fortzuführen. Eine Nachfolgeorganisation ist derzeit nicht in Sicht. Vorstand und Kollegium protestieren geschlossen gegen die Abwicklung und hätten sich eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Politik gewünscht. Die Entscheidung, den Insolvenzantrag zu stellen, fiel schweren Herzens – mit dem Bewusstsein, dass damit ein bedeutendes Kapitel kultureller Bildung in der Wesermarsch zu Ende geht.
„Dennoch sind wir immer noch bereit, ein Fusion mit der KVHS einzugehen“, ließen die Vorstandsmitglieder Klaus Hanke, Michael Birnbaum sowie Thomas und Eveline Schröder als auch Britta Birnbaum verlauten.
Die Schülerinnen und Schüler können sich vertrauensvoll an ihre Lehrkräfte wenden, wenn sie über das Jahr hinaus Unterricht haben wollen. (Foto und Text: Kerstin Seeland)