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12.12.2025, Lokalredaktion
Wesermarsch trifft Vorsorge für den Katastrophenfall
Katastrophenschützer blicken seit Monaten neugierig auf die Wesermarsch. Nicht nur aus benachbarten Landkreisen, sondern bundesweit. Grund ist das LifeGRID-Projekt, in dem Experten von Institutionen und Organisationen gemeinsam Maßnahmen für den Fall eines Blackouts entwickeln. Speziell in den Blick nehmen sie dabei pflege- und hilfsbedürftige Personen. Im Braker Centraltheater zogen Akteure am Mittwochabend während einer öffentlichen Veranstaltung eine Zwischenbilanz. Ergebnis: Mit dem Projekt setzt die Wesermarsch Maßstäbe.
„Unser Landkreis ist nahezu vollständig von Wasser umgeben – Nordsee, Weser, Hunte und Jade prägen die Region. Zugleich liegen die tiefsten Punkte im Landesinneren. Sturmfluten, Binnenhochwasser und ein Blackout sind ein reales Risiko für unsere Bevölkerung“, erläuterte der Projektleiter und Erste Kreisrat Matthias Wenholt vor rund 60 Gästen. Das LifeGRID-Projekt gibt Antworten auf zentrale Fragen, die sich im Ernstfall stellen. „Nicht alle Rathäuser oder Feuerwehrhäuser verfügen beispielsweise über eine Notstromversorgung. Genau dorthin würden sich aber Menschen im Ernstfall wenden“, so Wenholt. Daher schafft der Landkreis aus Projektmitteln zwei sogenannte mobile Katastrophenschutz-Leuchttürme an. Dabei handelt es sich um Container mit eigener Notstromversorgung, die der Bevölkerung im Blackout-Fall als Informationspunkt dienen. Zudem werden leistungsfähige Notstromaggregate beschafft, mit denen Pflegeeinrichtungen im Ernstfall versorgt werden können.
„Wenn es gelingt, Menschen in ihrem gewohnten Umfeld zu belassen, ist dies fast immer der bessere Weg“, erklärte Matthias Wenholt eine wesentliche Erkenntnis aus dem Projekt. Deshalb ist besonders bei einem Blackout eine verlässliche Notstromversorgung entscheidend.
Ein zentraler Baustein des Projekts ist das neue Pflegeregister, das im September gestartet wurde. Die Administration übernimmt der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes. „In kurzer Zeit haben sich bereits rund 25 Personen registriert“, berichtete DRK-Projektmitarbeiterin Kathleen Hirsch. Pflegeeinrichtungen und -dienste tragen das Angebot zunehmend in die Fläche. Eine Registrierung ist zunächst ab Pflegegrad 3 möglich. „Diese Grenze mussten wir ziehen, um die Anwendbarkeit im Ernstfall zu gewährleisten. Eine weitere Öffnung für Pflegegrade eins und zwei wird noch geprüft“, erläuterte sie.
Die Bedeutung des Registers wird im Katastrophenfall sichtbar: Oft ist unklar, wo Menschen leben, die bei Evakuierungen oder bei Stromausfällen dringend Hilfe benötigen. „Das wichtigste ist ein verlässliches Lagebild“, betonte DRK-Geschäftsführer Peter Deyle. Auf Karten werden die Wohnorte von hilfebedürftigen Personen, die sich registriert haben, kenntlich gemacht – eine große Hilfe für Einsatzkräfte. Das Register setzt auf einfache Sprache, Piktogramme und Erklärvideos. Halbjährliche Abfragen halten die Daten aktuell. Die Speicherung erfolgt auf der Grundlage von besonders strengen Datenschutzvorgaben.
Sascha Stolorz, Bürgermeister der Gemeinde Ovelgönne, rief das Publikum dazu auf, das Angebot aktiv weiterzutragen: „Nehmen Sie dieses Pflegeregister und erzählen Sie es Menschen, von denen Sie glauben, sie könnten es gebrauchen.“ Auch nach Abschluss des Projekts müsse die Weiterentwicklung gesichert sein. Der Vorteil: Nicht nur im Katastrophenfall kann das Register herangezogen werden, sondern beispielsweise auch bei Evakuierungen im Zuge einer Kampfmittelräumung. Informationen sind im Internet auf https://www.pflegeregister-wesermarsch.de/ abrufbar.
Wie das LifeGRID-Projekt von der Bevölkerung wahrgenommen wird und ob es zu einer Sensibilisierung der Menschen für das Thema beiträgt, untersucht die Jade Hochschule. So wurden bereits zwei Umfragen in der Wesermarsch durchgeführt, die jüngste zwischen September und Oktober. Die Auswertung von 898 Fragebögen (817 im Jahr 2024) dauert noch an. Doch Projektmitarbeiter Robin Battenberg kann schon jetzt einen klaren Trend erkennen: „Die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung ist angestiegen, die Maßnahmen des Projekts entfalten Wirkung. Zugleich ist das subjektive Bedrohungsgefühl nicht gestiegen. Wer hier lebt, geht davon aus, dass Katastrophen passieren können. Aber die Menschen fühlen sich dadurch nicht stärker bedroht.“ Zugenommen haben laut Umfrage sowohl die Bereitschaft zur Eigenvorsorge als auch die soziale Vernetzung im Sinne der Nachbarschaftshilfe. Die Bewertungen aus der Befragung unterstreichen den Bedarf an weiteren Informations- und Beteiligungsformaten, wie etwa am Hochwasserschutztag, der zuletzt in 2024 stattgefunden hat. Dieser wird am 27. Juni 2026 erneut in Brake stattfinden.
Das LifeGRID-Projekt wird mit rund 6,59 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung, Forschung und Raumfahrt gefördert. Es ist im Oktober 2023 gestartet und endet am 30. September 2027. Zu den Vollpartnern gehören neben dem Landkreis die Jade Hochschule, der DRK-Kreisverband Wesermarsch, das Institut für Gefahrenabwehr, der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband, die Großleitstelle Oldenburger Land und die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen. (pm/lr – Foto: Landkreis Wesermarsch/Meister)