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15.03.2026, Lokalredaktion
Beim intersektional‑feministischen Frauen*streik am 9. März 2026 kamen rund 200 Menschen auf dem Marktplatz zusammen. Maren Dietrich und Tanja Wenk ziehen ein sehr positives Fazit: Die Veranstaltung verlief reibungslos, das Wetter spielte mit und die hohe Beteiligung sei ein starkes Zeichen – besonders angesichts der kurzen Vorbereitungszeit von weniger als drei Monaten.
Sie bedanken sich ausdrücklich bei allen Unterstützer*innen, die im Hintergrund oder vor Ort mitgeholfen haben. Aktuell sammelt das Team Rückmeldungen, um die Aktion auszuwerten und weiterzuentwickeln.
Der Blick richtet sich bereits nach vorn: Die Kundgebung soll ein Auftakt für weitere feministische Zusammenarbeit in der Region sein. Es laufen Gespräche über eine stärkere Vernetzung frauen*politischer Initiativen in der gesamten Wesermarsch, um Themen künftig sichtbarer, parteiunabhängig und gemeinsam voranzubringen. Eines betonen die Initiatorinnen besonders: Die Energie und Aufbruchsstimmung dieses Tages soll weitergetragen werden und nicht verpuffen.

Bürgermeister Nils Siemen betonte in seiner Rede, dass Gleichberechtigung kein Frauenthema sei, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie betreffe Familien, Arbeitswelt, Demokratie und letztlich die grundlegende Frage, wie wir miteinander leben wollen. Trotz vieler Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte seien Frauen weiterhin strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt – etwa bei Einkommen, Care‑Arbeit, Rentenansprüchen und im beruflichen Alltag.
Siemen warnte vor einer zunehmenden Rückkehr patriarchaler Denkmuster, in denen Gleichstellung delegitimiert und traditionelle Rollenbilder als „natürlich“ dargestellt würden. Fälle von Machtmissbrauch und Gewalt gegen Frauen zeigten zudem, dass Ungleichheit nicht nur individuell, sondern strukturell verankert sei.
Er machte deutlich, dass Gleichberechtigung auch Männern zugutekommt: Starre Rollenbilder schränkten sie ebenso ein, etwa wenn Väter für die Inanspruchnahme von Elternzeit belächelt oder beruflich benachteiligt würden. Mit Blick auf seine eigene Tochter unterstrich Siemen, wie wichtig es sei, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Kinder unabhängig von Geschlecht oder Lebensmodell frei und ohne Hürden ihren Weg gehen können.
Abschließend rief er dazu auf, Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen, solidarisch zu handeln und gemeinsam für eine gerechte Gesellschaft einzustehen. Gleichberechtigung entstehe nicht von selbst, sondern durch Menschen, die Missstände benennen und Veränderungen einfordern.
In ihrer eindringlichen Rede machte Edda Lorenz deutlich, dass von echter Gleichberechtigung in Deutschland weiterhin keine Rede sein kann. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte sie strukturelle Benachteiligungen von Frauen auf – von ungleicher Elternzeitverteilung über diskriminierende Bewerbungsverfahren bis hin zu veralteten Rollenbildern, die Mütter im Berufsleben massiv einschränken.
Lorenz kritisierte, dass gesellschaftliche Erwartungen Frauen in lange Elternzeiten drängen, während Arbeitgeber sie gleichzeitig für jede Abweichung – ob früher Wiedereinstieg oder längere Auszeit – sanktionieren. Sie verwies auf Studien, die belegen, dass Mütter bei Bewerbungen deutlich schlechter gestellt sind und noch Jahre später für ihre Elternzeitdauer benachteiligt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Rede war die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Lorenz machte deutlich, dass Frauen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit tragen und dass vermeintliche „Hilfe“ von Männern im Haushalt keine freiwillige Gefälligkeit, sondern gemeinsame Verantwortung sein müsse.
Sie warnte vor den langfristigen Folgen dieser Ungleichheiten, insbesondere für die finanzielle Absicherung von Frauen, und plädierte dafür, Verantwortlichkeiten in Partnerschaften aktiv zu verhandeln.
Lorenz rief dazu auf, tradierte Rollenbilder zu hinterfragen, Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen und sich aktiv für Gleichberechtigung einzusetzen. Der Kampf früherer Generationen habe viel erreicht, doch die weibliche Perspektive fehle weiterhin in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Sie betonte, dass es an der heutigen Generation sei, diesen Einsatz fortzuführen – laut, sichtbar und entschlossen.
In ihrer bewegenden Rede schilderte Oksana Lopatko, wie der Krieg in der Ukraine ihr Leben vor vier Jahren schlagartig in zwei Teile zerriss: in ein Leben mit Heimat und Sicherheit – und in ein Leben, das nur noch von Hoffnung getragen war. Sie berichtete davon, wie sie ihr Zuhause, ihre Erinnerungen und einen großen Teil ihres bisherigen Lebens zurücklassen musste, während ihr älterer Sohn und ihr Mann in der Ukraine blieben, um das Land zu verteidigen.
Mit ihrem jüngeren Sohn floh sie in eine ungewisse Zukunft, geprägt von Angst, Verantwortung und dem Gefühl, stark sein zu müssen, obwohl die Kraft oft kaum reichte. In Deutschland angekommen, stand sie vor einem Neuanfang ohne Sprache, ohne vertraute Umgebung und ohne Sicherheit. Sie sprach offen über Nächte voller Sorge und Tage, an denen jede Nachricht aus der Heimat zur Belastungsprobe wurde.
Gleichzeitig betonte Lopatko ihre tiefe Dankbarkeit gegenüber Deutschland und den Menschen, die ihr Unterstützung, Mitgefühl und praktische Hilfe entgegenbrachten. Diese Gesten hätten ihr Mut gegeben und gezeigt, dass Menschlichkeit selbst in Zeiten großer Grausamkeit bestehen bleibt.
Heute, vier Jahre nach ihrer Flucht, sei sie stärker geworden, doch ihr Herz lebe weiterhin „zwischen zwei Welten“ – zwischen der Familie in der Ukraine und dem neuen Leben, das sie hier für ihren Sohn aufbaut. Ihr größter Wunsch bleibe unverändert: der Tag, an dem der Krieg endet und ihre Familie wieder vereint ist.
Neben weiteren Reden bestimmte der Gesang der ukrainischen Gruppe „Seelenblumen“, des maritimen Frauenchors „Hafenperlen“ und einem Poetry-Slam die Veranstaltung. (Text: Kerstin Seeland, Fotos: Gabi Menzel)