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26.04.2026, Lokalredaktion
Forensische Medizin, Strafvollzug und die Wahrheit der Tat – Joe Bausch fesselt Publikum im Centraltheater Brake
Ein voll besetzter Saal im Centraltheater, absolute Stille – und ein Publikum, das gebannt an den Lippen des Vortragenden hing: Die Lesung von Joe Bausch am gestrigen Abend wurde zu einem eindrucksvollen Panorama aus forensischer Erfahrung, autobiografischer Offenheit und tiefem menschlichem Ernst.
Der langjährige Gefängnisarzt, Forensiker, Schauspieler und Bestsellerautor führte die Zuhörer durch die Entstehung und Bedeutung seiner Werke „Knast“ und „Gangster Blues“. Beide Bücher, so Bausch, seien aus jahrelangen Gesprächen mit Inhaftierten entstanden – Gesprächen, die erst nach der Urteilsverkündung möglich wurden und in denen sich Täter zum ersten Mal der eigenen Geschichte stellen. „In der Tat liegt die Wahrheit“, betonte er mehrfach und machte deutlich, dass nicht Biografie oder äußeres Erscheinungsbild, sondern die Tat selbst Aufschluss über Gefährlichkeit, Grenzen und Fähigkeiten eines Menschen gibt.

Diese Grundhaltung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit und war auch im Vortrag präsent, der laut Transkript „die Diskrepanz zwischen äußerem Erscheinungsbild und innerer Realität von Tätern“ beleuchtete.
Mit eindringlichen Fallgeschichten gewährte Bausch Einblicke in eine Welt, die den meisten verborgen bleibt: Ein mehrfacher Mörder, der wegen eskalierender Gewaltfantasien um seine Nichtentlassung bittet; ein Gefangener, der nachts „Prozess“-Rollenspiele aufführt und schließlich in die forensische Psychiatrie verlegt wird; ein Langzeitinsasse, der sich über Jahrzehnte selbst isoliert und jede Form der Entlassung verweigert. „Diese Gefangen haben mich beeindruckt und letztendlich in mein Buch geschafft“, meinte er.
Auch traumatisierte Insassen – etwa ehemalige Kindersoldaten oder Kriegsveteranen – fanden Raum in seinen Schilderungen. Joe Bausch beschreibt, wie verborgene Traumata oftmals erst nach Jahren sichtbar geworden sind, wenn Menschen im Gefängnis zum ersten Mal über ihre Vergangenheit sprechen.
Trotz der Schwere der Themen gelang es Bausch, das Publikum immer wieder mit feinem, trockenem Humor zu entlasten. Besonders seine satirischen Beobachtungen zu Geschlechterunterschieden in der Kriminalität sorgten für Lacher im Publikum. Diese Mischung aus Fachwissen und Ironie kam bei in dem voll besetzten Kinosaal sehr gut an.

Im zweiten Teil des Abends öffnete Joe Bausch ein anderes Kapitel: sein eigenes Leben. Ausgehend vom Film „Das weiße Band“ erzählte er von seiner Kindheit im Nachkriegsdeutschland, geprägt von harter Arbeit, dem strengen Vater und einer Welt in Schwarz-Weiß.
Er berichtet von seinem schwierigen Verhältnisses zum Vater und eines Gesprächs, das er erst nach dessen Tod in der Räumen der Pathologie führen konnte.
Seine Jugend – vom früh erwachten Wissensdurst über eine falsche Krebsdiagnose bis hin zu rebellischen Jahren – beschriebt er sehr offen. Am Ende formulierte er die drei Säulen, die ihn, wie er sagt, vor einer kriminellen Laufbahn bewahrten: Wissen, Gewissen und Verantwortung.
Die Mischung aus forensischem Fachwissen, literarischer Erzählkunst und persönlicher Offenheit machte den Abend zu einem besonderen Erlebnis. Joe Bausch zeigte, wie eng Erkenntnis und Empathie, Humor und Härte, Wissenschaft und Menschlichkeit miteinander verwoben sein können. Vor, während und nach dem Vortrag bot Joe Bausch am Büchertisch der Buchhandlung Gollenstede die Gelegenheit zum Signieren von Büchern. (Fotos und Text: Kerstin Seeland)