Sie können uns unterstützen

10.07.2026, Lokalredaktion
Segelschulschiff Großherzogin Elisabeth auf dem Weg zum Tall Ships Race 2026
Vollbeladen ging es am Abend des 3. Juli an der Elsflether Kaje los Erstes Ziel war Harlingen. Bereits am nächsten Morgen meldete sich Tobias Gebhard, der als verantwortlicher Kapitän bis Stavanger fahren wird: „Wir fahren gegen den Wind, kommen aber gut voran. ETA Harlingen morgen 12:00 LT, längsseits der EENDRACHT. Nun sind wir auch Teil der Auslaufparade mit allem Drum und Dran. ETD am 06.07. 12:00 LT. Dementsprechend müssen wir etwas mehr Gas Richtung Scheveningen geben – ich hoffe auf Windunterstützung und werde wohl auch das ETA nach hinten setzen müssen.“

In Harlingen traf die Lissi auf zahlreiche weitere Segelschiffe, die im Rahmen der ersten Etappe des Tall Ships Race, an dem die Lissi noch nicht teilnimmt, dort Station machten. Bereits hier kam das Organisationsteam des Tall Ships Race an Bord, übergab der Crew die Race-Shirts für die Etappe Antwerpen – Stavanger und knüpfte erste Kontakte zu Crew und Trainees.
Der nächste Morgen begann mit einem weiteren Lagebericht des Kapitäns: „Wir liegen immer noch längsseits der EENDRACHT. Wir werden wohl um 12:15 Uhr ablegen und die Auslaufparade anführen. Der auflandige Wind hätte uns ohnehin Probleme machen können – jetzt steht uns ein Schlepper zur Verfügung. Das spätere Auslaufen und die im Vergleich zur Vorbereitung längere Strecke werden zwar teilweise durch eine höhere Geschwindigkeit – zeitweise unter Segeln, denn in der Nacht soll ein schöner Westwind aufkommen – kompensiert, dennoch werden wir wohl später in Scheveningen ankommen. Die Option, Scheveningen auszulassen, muss ich mir leider offenhalten.“

Doch dazu kam es glücklicherweise nicht: Dank der perfekten Windverhältnisse schafften der Kapitän und seine Crew die Passage nach Scheveningen wie geplant. Dort konnten die Trainees einen ausgiebigen Landgang genießen und sowohl Scheveningen als auch Den Haag in aller Ruhe erkunden, bevor die Reise in Richtung des eigentlichen Rennens weiterging.
Doch die perfekte Reiseplanung und beste Windverhältnisse ließen Spielraum für einen weiteren Zwischenstopp, der schon geschichtsträchtig war und führte die Lissi ganz spontan noch nach Dunkerque (Dünkirchen) in Frankreich – und damit an den Ort, an dem die Geschichte der ursprünglichen Großherzogin Elisabeth bis heute lebendig geblieben ist.
Denn im Museumshafen von Dünkirchen liegt mit der „Duchesse Anne“ die ursprüngliche, erste Großherzogin Elisabeth, die 1901 als erstes von insgesamt fünf deutschen Segelschulschiffen vom Stapel lief.
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die deutsche Handelsflotte rasant. Gleichzeitig fehlte es an gut ausgebildeten nautischen Offizieren. Aus der Überzeugung heraus, dass die Ausbildung auf einem Großsegler die beste Grundlage für spätere Führungskräfte in der Seeschifffahrt bildet, wurde im Jahr 1900 in Oldenburg der Deutsche Schulschiff-Verein gegründet. Bereits ein Jahr später lief die Großherzogin Elisabeth vom Stapel. Heimathafen aller fünf Schulschiffe war Elsfleth.
An Bord wurden neben der Stammbesatzung jeweils zwischen 150 und 200 Kadetten im Alter von 14 bis 16 Jahren in der traditionellen Seemannschaft ausgebildet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schiff 1946 im Rahmen von Reparationsleistungen an Frankreich übergeben. Seitdem trägt es den Namen „Duchesse Anne“ und ist heute eines der bedeutendsten Museumsschiffe Frankreichs.
Dass sich nun die heutige Großherzogin Elisabeth und ihre historische Vorgängerin in Dünkirchen begegneten, sorgte für großes Interesse weit über die Stadtgrenzen hinaus. Bereits bei der Einfahrt wurde die „Lissi“ von zahlreichen Schaulustigen am Kai begrüßt. Ebenfalls anwesend waren der Bürgermeister der Stadt, Museumsdirektor und Chefkonservator Dorian Dallongeville sowie eine Abordnung der Restauratoren der Duchesse Anne, die erst vor Kurzem nach einer rund 30-monatigen aufwendigen Restaurierung wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte.
Möglich wurde dieses außergewöhnliche Treffen durch eine kurzfristig organisierte Zusammenarbeit zwischen dem Büro der „Lissi“ und dem Maritimen Museum Dünkirchen. Innerhalb weniger Tage entstand daraus eine kleine, aber umso herzlichere maritime Begegnung zweier Schiffe, die über mehr als ein Jahrhundert Geschichte miteinander verbindet. So besuchte man sich gegenseitig und die Lissi Crew wurde die Ehre zuteil, eine exklusive Führung auf der Duchess Anne zu bekommen, ehe das Muesum zum großen Empfang lud.

„Dieser Tag war ein geschichtsträchtiger“, waren sich Kapitän Tobias Gebhard und Museumsdirektor Dorian Dallongeville einig. Beide besiegelten stellvertretend die zukünftige Freundschaft zwischen den beiden Schiffen sowie die Zusammenarbeit zwischen dem Schulschiffverein und dem Maritimen Museum Dünkirchen.
Als Zeichen dieser Verbundenheit überreichte der Schulschiffverein Großherzogin Elisabeth dem Museum ein Gemälde der historischen Großherzogin Elisabeth.
Für einen besonderen Abschluss der Feierlichkeiten sorgte anschließend die Besatzung der heutigen „Lissi“, die gemeinsam mit den französischen Gastgebern ein historisches Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1920 originalgetreu nachstellte – ein Moment, der allen Beteiligten sichtbar Freude bereitete und die enge Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart eindrucksvoll zum Ausdruck brachte.
Nach dem erfolgreichen Aufenthalt nimmt die Großherzogin Elisabeth nun wieder Kurs auf Antwerpen. Dort werden Teile der Crew gewechselt, bevor das Schiff gemeinsam mit zahlreichen internationalen Großseglern zum Tall Ships Race 2026 nach Stavanger aufbricht. Mannschaft und Schiff sind bestens vorbereitet und hoffen auf ein erfolgreiches und spannendes Rennen. (pm/lr – Titelfoto: Sascha Raith)
Reisetipp / Link: Musée Maritime et Portuaire, Dunkerque www.museemaritimeportuaire.com
V.i.S.d.P.: Schulschiffverein Großherzogin Elisabeth e.V., Rathausplatz 5, 26931 Elsfleth., vertreten durch den Präsidenten Kapitän Johannes Reifig