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21.05.2026, Lokalredaktion
Wenn im Mai und Juni die Mähsaison beginnt, trifft sie genau mit der Zeit zusammen, in der Rehgeißen ihre Kitze im hohen Gras ablegen. Die Jungtiere verharren dort regungslos – ein natürlicher Schutzmechanismus, der sie vor Fressfeinden bewahrt, sie jedoch gleichzeitig besonders gefährdet. Da ihnen in den ersten Lebenstagen der Fluchtinstinkt fehlt, laufen sie weder vor Menschen noch vor landwirtschaftlichen Maschinen davon. Ohne gezielte Schutzmaßnahmen würden jedes Jahr zahlreiche Kitze zu Opfern der Mahd werden.

Auf dem Elsflether Sand zeigte sich in diesen Tagen erneut, wie wirkungsvoll moderne Technik und engagierte Zusammenarbeit Tierleben retten können. Noch vor Sonnenaufgang machten sich Jägerinnen und Jäger, Landwirte sowie freiwillige Helferinnen und Helfer auf den Weg, um die Wiesen abzusuchen, die im Laufe des Vormittags gemäht werden sollten. Ausgestattet mit Wärmebilddrohnen und geschultem Blick wurden die Flächen systematisch abgeflogen. Bereits kurz nach Beginn der Aktion konnte ein erstes Kitz entdeckt und in Sicherheit gebracht werden – ein Erfolg, der die Bedeutung des frühzeitigen Einsatzes eindrucksvoll unterstreicht.
Die Jungwildrettung ist rechtlich eine jagdliche Aufgabe. Jäger kennen die Reviere, wissen um die bevorzugten Ablageplätze der Ricken und müssen zudem vor Ort sein, falls ein verletztes Tier gefunden wird. In Elsfleth zeigte die Drohnengruppe des Hegerings, wie effizient diese Arbeit heute ablaufen kann: Während einer Suchaktion konnten insgesamt sechs Kitze geortet und geschützt werden. Die Tiere wurden entweder vorsichtig aus der Gefahrenzone getragen oder – wenn möglich – mit gut sichtbaren Schutzkörben abgedeckt, sodass sie während der Mahd nicht übersehen werden konnten. Der direkte Kontakt mit den Händen wird dabei konsequent vermieden, um zu verhindern, dass die Ricke ihr Jungtier später aufgrund menschlichen Geruchs meidet.
Die Abläufe sind eingespielt: Landwirte melden ihre Mähtermine frühzeitig, Jäger organisieren Drohnenteams, planen Flugrouten und koordinieren Helfer. Nach dem Auffinden werden die Kitze kurzzeitig gesichert und anschließend wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückgebracht, damit die Mutter sie problemlos aufnehmen kann.
Die Kitzrettung dient nicht nur dem unmittelbaren Schutz der Wildtiere. Auch die Landwirtschaft profitiert: Gelangen Tierkadaver in das Futter, kann sich das gefährliche Botulinumtoxin bilden – eine ernsthafte Bedrohung für Rinderbestände. Prävention schützt daher sowohl Wildtiere als auch Nutztiere.
Die Aktion auf dem Elsflether Sand zeigt eindrucksvoll, wie erfolgreich moderne Technik, ehrenamtliches Engagement und jagdliche Expertise zusammenwirken. Jede Rettung ist ein kleiner, aber bedeutender Beitrag zum Tierschutz und ein starkes Zeichen für verantwortungsbewusste Landnutzung. (Text: Kerstin Seeland, Fotos: Dieter Stutz)