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10.11.2025, Lokalredaktion
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, während der sogenannten Novemberpogrome, ereigneten sich auch in Nordenham erschütternde Szenen, die das Leben jüdischer Bürgerinnen und Bürger für immer veränderten. Davon berichtete Nils Humboldt von „Nordenham bleibt bunt“, am Sonntag, an den Stolpersteinen, die in der Friedrich-Ebert-Straße 14, zur Erinnerung eingelassen wurden.
Im Haus, in dem sich damals das Bekleidungsgeschäft von Albert Maier befand, klopften gegen fünf Uhr morgens Bürgermeister Dr. Emil Gerdes – seit 1933 Mitglied der NSDAP und SA sowie Polizeichef in Nordenham – und rund 15 SA-Männer an die Tür. Albert Maier, ein angesehener Kaufmann, wurde gemeinsam mit seiner Frau Leontine und der achtjährigen Tochter Renate in das Gefängnis des Nordenhamer Amtsgerichts gebracht. Während Mutter und Tochter nach einigen Stunden freikamen und in die Flucht gingen, wurde Albert Maier am 10. November 1938 über Oranienburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.
Nach seiner Entlassung 1938 versuchte Maier, mit dem Schiff nach Kuba zu gelangen. Das Schiff wurde jedoch abgewiesen. Über Antwerpen floh er weiter nach Südfrankreich, wo er erneut interniert wurde. 1941 gelang ihm schließlich die Ausreise in die USA, wo seine Frau und Tochter bereits seit 1939 in Chicago lebten. Die Familie blieb dort dauerhaft.
Auch Walter Friedmann, geboren 1899 und ebenfalls Bewohner des Hauses, wurde in jener Nacht verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Entlassung floh er in die Niederlande, wo 1940 rund 140.000 Juden lebten – darunter etwa 14.000 aus Deutschland. 78 Prozent der jüdischen Bevölkerung in den Niederlanden wurden später von den Nationalsozialisten ermordet. Walter Friedmann gehörte zu den Opfern: Er wurde in Auschwitz ermordet.
Das Gebäude selbst trägt bis heute eine besondere Symbolik. Bis vor wenigen Jahren befand sich hier die Commerzbank, die im Dritten Reich aktiv an der sogenannten „Arisierung“ beteiligt war – der systematischen Enteignung jüdischen Vermögens. „Über die Rolle der Oldenburgischen Landesbank (OLB) in den Jahren 1931 bis 1948 hingegen finden sich kaum Informationen, was Fragen offenlässt“, meinte Nils Humboldt.
Auch die Bombardierung Nordenhams am 18. Juni 1944 ist mit diesem Haus verbunden: Rund 800 Bomben trafen die Stadt, eine davon zerstörte das Gebäude. 111 Menschen starben. Eine Zeitzeugin berichtete, wie sie als kleines Mädchen sechs Tage unter den Trümmern lag und schließlich lebend gerettet wurde.
„Diese Ereignisse mahnen uns bis heute. Sie erinnern an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors – hier in Nordenham und überall“, sagte Nils Humboldt abschließend. (Foto und Text: Kerstin Seeland)
Titelfoto: Zuvor hatten Bürgermeister Nils Siemen, Nils Humboldt und der ehemalige Nordenhamer, Dr. Wolfgang Knüll, der 2010 dafür sorgte, dass in Nordenham die Stolpersteine verlegt wurden, gemeinsam die Stolpersteine aufgereinigt.