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10.11.2025, Lokalredaktion
Nils Humboldt von „Nordenham bleibt bunt“ begrüßte auf dem Marktplatz zahleiche Teilnehmer der Mahnwache. „Viele von Ihnen waren bereits bei den vorangegangenen Mahnwachen dabei – ein starkes Zeichen der Solidarität und des Erinnerns“, sagt er, „Mein besonderer Dank gilt den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern von SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, der Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus – Bund der Antifaschistinnen, der IG Metall sowie dem DGB, die diese Mahnwachen seit Jahren tatkräftig unterstützen.“
Unter den Anwesenden waren auch Bürgermeister Nils Siemen sowie die Vertreterinnen und Vertreter der Nordenhamer Ökumene Christiane Wittrock, Christiane Behrens, Matthias Bühnemann und Christoph Richter und Jamie Fleig vom Jugendparlament Nordenham ein. Hauptredner bei diesem Gedenktag war Dr. Wolfgang Knüll, der vor 15 Jahren die Initiative für die Stolpersteine in Nordenham ins Leben rief und aus seiner Heimatstadt Osterberg angereist ist.
Nils Humboldt verwies auf die Worte einer Holocaust-Überlebende: „Die Schoah begann nicht mit Auschwitz. Sie begann mit Worten, mit dem Schweigen und dem Wegschauen der Gesellschaft.“
Auch viele Nordenhamer Jüdinnen und Juden wurden Opfer dieser Verfolgung. Ihr Leid begann lange vor 1941 – unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Einige konnten fliehen, andere wurden verhaftet und deportiert. Heute erinnern Stolpersteine an ihre Schicksale:
- Familie Jacobson: David, Thekla (geb. Katz), Leopold und Erwin – Flucht nach Kolumbien 1937/39
- Familie Löwi: Robert, Josephine (geb. Menke), Susanne und Paul – Flucht in die USA 1936
- Familie Stoppelmann: Paul, Friederike (geb. Pinto), Eugen und Emil – Flucht nach Groningen 1934; Paul und Friederike 1942 in Auschwitz ermordet, Emma 1945 in Buchenwald, Eugen überlebte Auschwitz
- Walter Friedmann: 1942 in Auschwitz ermordet
- Familie Maier: Adalbert, Leontine (geb. Kyles) und Tochter Renate – Verhaftung am 9.11.1938, Flucht in die USA 1939/41
- Familie Pinto: Emmanuel – 1942 in Sobibor ermordet; Miriam (geb. de Vries) 1939 auf der Flucht verstorben; Elima 1942 als Zwangsarbeiter gestorben
- Luise und Rosa Stoppelmann mit Sohn Erich – 1942/43 in Auschwitz ermordet
- Emma (geb. Ronneburg) und Adolf Os – 1943 in Theresienstadt ermordet
Darüber hinaus erinnert das Nordenhamer Museum an weitere Opfer wie Sophie Jacobs (mit 17 Jahren in Auschwitz ermordet) sowie Julius Dorn, Albert Kratz, Ingeborg und Paula Rebbin, Max Tatje und Egon Weiß. In unmittelbarer Folge des 9. November starben zudem Eberhard Levenstein (Burhave) und Julius Rosenburg (Dedesdorf) nach der Haft im Amtsgericht Nordenham.
„Diese Schicksale belegen eindrücklich: Es begann mit Worten. Worte können Gesellschaften vergiften – damals wie heute, ob gesprochen oder im Internet. Genau deshalb veranstalten wir seit nunmehr zehn Jahren diese Mahnwachen: nicht nur, um zu erinnern, sondern auch, um zu mahnen. Damit sich Geschichte nicht wiederholt“, betonte Nils Humboldt.
Bürgermeister Nils Siemen betonte, dass Erinnerung Verantwortung bedeutet: gegen das Vergessen, gegen das Schweigen, gegen neue Formen von Antisemitismus. Er führte an, dass Dank moderner Technologie es gelungen ist, einen Holocaust-Täter vor kurzem zu identifizieren – ein Zeichen dafür, dass Wahrheit ihren Weg findet.
Der 9. November steht in der deutschen Geschichte für Extreme: 1918 die Ausrufung der Republik, 1938 die Pogromnacht, 1989 der Mauerfall. Erinnerung bedeutet, diese Spannungen auszuhalten und sich täglich für Freiheit und Demokratie einzusetzen.
„Die Veranstaltung ist ein Zeichen dafür, dass Nordenham nicht vergisst – und dass „Nie wieder“ heute beginnt“, unterstrich der Bürgermeister.
Dr. Wolfgang Knüll schilderte seine persönliche Verbindung zur Geschichte der Stolpersteine in Nordenham und erinnert an seinen Vater, der als Arzt jüdische Patienten behandelte. Die Stolpersteine halten die Erinnerung an den 9. November lebendig, doch er mahnte auch, dass Gedenken daran nicht oberflächlich oder banalisiert werden dürfen.
Zur Verdeutlichung schildert er die grausamen Abläufe in den Vernichtungslagern wie Treblinka, wo täglich Tausende Menschen ermordet wurden. Diese Beispiele zeigen, dass Verbrechen nicht abstrakt sind, sondern konkrete, grausame Realität.
Dr. Wolfgang Knüll warnte vor der Banalisierung der NS-Verbrechen und betonte, dass Antisemitismus heute in verschiedenen Formen wieder sichtbar ist – von rechtsextremen Parolen über islamistischen Judenhass bis hin zu antisemitischen Äußerungen im linken Spektrum.
Seine zentrale Botschaft lautete: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Erinnerung und Zivilcourage sind notwendig, um Antisemitismus und Hass entschieden entgegenzutreten.
Auch Jamie Fleig schloss sich den Worten an und betonte, dass die Werte wie Respekt und Menschlichkeit jeden Tag verteidigt werden müssen. Er appellierte, gemeinsam Haltung zu zeigen für die Demokratie und Einhaltung der Mitmenschlichkeit. „Lasst uns aus Erinnerung Verantwortung machen, damit Nordenham auch weiterhin bunt bleibt.“ (Fotos und Text: Kerstin Seeland)