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15.08.2026, Lokalredaktion
25 Jahre alt, gelernter Land- und Baumaschinenmechatroniker und seit zweieinhalb Jahren auf der Walz: Niclas hat sich bewusst für einen ungewöhnlichen Lebensweg entschieden. Statt direkt in einen festen Beruf und Alltag einzusteigen, reist er als Wandergeselle durch Deutschland und Europa, arbeitet in unterschiedlichen Betrieben und lernt dabei neue Handwerkstechniken, Menschen und Kulturen kennen.
Niclas stammt aus Oberfranken. Nach seiner Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker 2021 arbeitete er noch rund dreieinhalb Jahre als Geselle, bevor er sich mit 2024 auf Wanderschaft begab. „Ich dachte mir: Keine Freundin, zu Hause ist alles nicht so fest – ich kann weggehen und jetzt kann ich das irgendwie machen“, erzählt er rückblickend.
Dass auch Land- und Baumaschinenmechatroniker auf die Walz gehen können, ist allerdings längst nicht allen bekannt. Noch immer verbinden viele die traditionelle Wanderschaft vor allem mit Zimmerern, Dachdeckern oder Maurern. Dabei steht die Möglichkeit grundsätzlich auch anderen Handwerksberufen offen.
Drei Jahre und ein Tag – und möglichst viel erleben
Die klassische Wanderschaft dauert mindestens drei Jahre und einen Tag. Für Niclas ist diese Zeit vor allem eines: Freiheit. „Man kann hin, wo man will, man kann machen, was man will, man kann ausprobieren, was man will“, sagt er.
In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat ihn seine Reise bereits durch zahlreiche Regionen Deutschlands und mehrere europäische Länder geführt. Besonders prägend war eine Reise über den Balkan nach Griechenland. Gemeinsam mit zwei anderen Reisenden verbrachte er dort rund dreieinhalb Monate, unter anderem auf Kreta. Auch Frankreich, die Schweiz, Österreich und Dänemark hat er bereits bereist.
Dabei geht es ihm nicht allein ums Reisen. Die Wanderschaft bietet ihm die Möglichkeit, über sein eigenes Gewerk hinauszuschauen und andere Handwerke kennenzulernen. In der Schweiz arbeitete er beispielsweise bei einem Holzschindelmacher, aktuell sammelt er Erfahrungen im Reetdachdecken.
„Das ist der Sinn der Wanderschaft: über den Tellerrand schauen und andere Dinge ausprobieren“, erklärt Niclas. Nicht selten komme es vor, dass Gesellen ihren ursprünglichen Beruf auf der Reise aus einem neuen Blickwinkel betrachten oder sogar ein anderes Handwerk für sich entdecken.
Arbeiten, wo andere Urlaub machen
Auch beim Thema Arbeit gelten auf der Walz andere Regeln als im klassischen Berufsleben. Niclas sucht sich seine Arbeitsstellen unterwegs und verhandelt die Bedingungen individuell. Bezahlt wird je nach Vereinbarung. Manchmal arbeitet er auch für Unterkunft und Verpflegung.
Gerade im Ausland könne das eine gute Möglichkeit sein, längere Zeit an einem Ort zu bleiben. In Griechenland arbeitete er beispielsweise mehrere Stunden am Tag an einem Hotelumbau und erhielt dafür Unterkunft.
In Deutschland engagiert er sich zudem bei sozialen Bauprojekten. Wenn er einen Ort oder die Menschen dort besonders sympathisch findet, sei er bereit, seine Arbeitskraft auch einmal unentgeltlich einzusetzen.
Ein Leben mit wenigen Dingen
Sein Besitz passt in das Gepäck, das ein Wandergeselle traditionell mit sich führt. Kleidung und persönliche Gegenstände werden im sogenannten Charlottenburger transportiert – einem Tuchbündel, das über der Schulter getragen wird.
Auch die typische Kleidung der Wandergesellen steckt voller Symbolik. Der Hut steht für Freiheit, Knöpfe erinnern unter anderem an Arbeits- und Reisejahre, und die jeweiligen Zeichen und Farben verweisen auf Handwerk und Zugehörigkeit.
Niclas ist Mitglied im Ring vereinigter Metallgewerke, einem noch jungen Schacht der Wandergesellen. Die Farbe Blau steht dabei für das Metallhandwerk. Sein Ring, das Symbol des Schachts. trägt einen Hammer als Symbol seiner handwerklichen Zugehörigkeit.
Die Gemeinschaft der Reisenden ist für ihn ein wichtiger Bestandteil der Wanderschaft. Über Schächte, Freireisende und regionale Treffen entsteht ein weitreichendes Netzwerk. Reisende tauschen Arbeitsadressen aus, geben sich Empfehlungen und helfen sich gegenseitig bei der Suche nach Arbeit und Unterkunft.
Zwischen Tradition und moderner Gesellschaft
Die Wanderschaft ist längst nicht mehr ausschließlich eine Männerdomäne. Auch Frauen sind heute auf der Walz unterwegs. Niclas beobachtet zudem eine zunehmende Vielfalt unter den Reisenden. „Es gibt alle verschiedensten Charaktere und irgendwie ist es ziemlich bunt“, beschreibt er seine Erfahrungen.
Gerade diese Mischung aus traditionellen Regeln und einer modernen, vielfältigen Gesellschaft macht für ihn einen besonderen Reiz aus. Die Wanderschaft verbindet jahrhundertealte Handwerkstraditionen mit einer Lebensweise, die bewusst auf Flexibilität und persönliche Begegnungen setzt.
Ein Netzwerk fürs Leben
Die Zugehörigkeit zu einem Schacht endet nicht automatisch mit der Rückkehr nach Hause. Wer seine Wanderschaft beendet, bleibt der Gemeinschaft vielfach weiterhin verbunden. Niclas freut sich darauf, auch später an Treffen und gemeinsamen Projekten teilzunehmen.
Ein Beispiel dafür sind größere gemeinschaftliche Bauprojekte, bei denen zahlreiche Wandergesellen zusammenkommen, um Gebäude oder Orte für soziale und kulturelle Zwecke zu renovieren. Auch handwerklicher Austausch gehört zum festen Bestandteil dieser Treffen.
Seine eigene Wanderschaft möchte Niclas zunächst noch ein weiteres halbes Jahr fortsetzen. Danach will er entscheiden, wie es weitergeht. Fest steht für ihn allerdings schon heute: „Ich weiß auf jeden Fall, dass es wieder nach Hause geht.“
Bis dahin stehen weitere Stationen auf dem Reiseplan. Als Nächstes geht es für ihn nach Hagen in Westfalen. Dort trifft sich seine Gesellenvereinigung zu einem zweiwöchigen Metalltreffen im Freilichtmuseum. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Handwerkern wird geschmiedet, gearbeitet und Wissen ausgetauscht.
Für Niclas ist die Walz damit weit mehr als eine Reise. Sie ist eine Schule fürs Leben – geprägt von Handwerk, Selbstständigkeit, Begegnungen und der Freiheit, jeden Tag neu zu entscheiden, wohin der Weg führt. (Foto und Text: Kerstin Seeland)