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07.05.2026, Lokalredaktion
Wie es sich anfühlt, alt zu sein, und Schwierigkeiten zu haben, Alltägliches wie Treppensteigen zu erledigen, konnte mit einem Alterssimulationsanzug „Gert“ ausprobiert werden, ebenso wie barrierefrei in einem großen Bus eingestiegen werden kann.
Mit großer Beteiligung fand auf dem Marktplatz in Rodenkirchen der diesjährige Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen statt. Unter dem bundesweiten Motto „Menschenrechte sind nicht verhandelbar“ versammelten sich Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Vereinen und Initiativen, um gemeinsam ein sichtbares Zeichen für Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit zu setzen. Mit dabei waren auch die Bürgermeister der Stadt Nordenham, der Gemeinde Butjadingen, der Stadt Elsfleth und der allgemeine Vertreter des Bürgermeister der Gemeinde Ovelgönne sowie zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter landkreiseigenes und kommunaler Organisationen und Unternehmen.


Bürgermeister Harald Stindt eröffnete die Veranstaltung mit den Worten „Ungleichheiten erkennen wir oft erst, wenn wir selbst betroffen sind“ und betonte die Bedeutung des Aktionstages für die Gemeinde Stadland. „Menschenrechte sind nicht verhandelbar – ein Motto, hinter dem wir alle stehen.“


Er verwies auf die enge Zusammenarbeit mit dem Behindertenbeirat der Gemeinde und dem Kreisbehindertenbeirat, die seit Jahren wichtige Impulse für Barrierefreiheit und Teilhabe setzen. Stindt dankte den zahlreichen Helferinnen und Helfern und hob hervor, wie wichtig es sei, Barrieren im Alltag konsequent abzubauen.

Landrat Stephan Siefken würdigte das Engagement der vielen Akteurinnen und Akteure in der Wesermarsch und erinnerte an den ersten Aktionstag „Wesermarsch inklusiv“, der 2024 ebenfalls in Rodenkirchen stattfand. „Diese vier Worte sind mehr als ein Motto – sie sind ein Auftrag an uns alle.“

Er machte deutlich, dass Inklusion nicht nur ein politisches Ziel sei, sondern eine Haltung, die sich im Alltag bewähren müsse. Er betonte, wie sehr Vielfalt die Gesellschaft bereichere, und verwies auf positive Beispiele gelebter Inklusion, etwa die inklusive Kantine „Kostbar“ im Kreishaus.

Der Vorsitzende des Kreisbehindertenbeirats, Albert Mumme, richtete einen eindringlichen Appell an die Kommunen und die Politik. „Wir brauchen in allen neun Kommunen funktionierende Behinderten- oder Seniorenbeiräte – damit Anliegen vor Ort schneller gehört werden.“ Ein Schwerpunkt seiner Rede war der akute Mangel an barrierefreiem Wohnraum. „Wenn wir nicht bauen, sind die Plätze in den Wohnheimen bald voll. Dann stehen Menschen ohne Perspektive da.“
Albert Mumme forderte langfristige Fördermodelle, digitale Barrierefreiheit in den Verwaltungen und eine klare Unterscheidung zwischen verschiedenen Petitionen, um politische Anliegen nicht gegeneinander auszuspielen.
Die Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Annetraud Grote, setzte in ihrer Rede deutliche politische Akzente. „Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit sind keine Gefälligkeiten. Sie sind ein Recht.“ Sie kritisierte drohende Leistungskürzungen und warnte vor Verschlechterungen im Bundesteilhabegesetz: „Diese Einschnitte wären nicht mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar – sie wären rechtswidrig.“ Sie forderte zudem, Barrierefreiheit endlich als Infrastrukturaufgabe zu begreifen und nicht als Kostenfaktor.
„Wer heute in Barrierefreiheit investiert, spart morgen Pflegekosten und ermöglicht selbstbestimmtes Leben.“ Auch beim Thema Wohnen zeigte sie dringenden Handlungsbedarf auf: „In Deutschland fehlen rund 1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen – Menschen mit Behinderungen sind davon besonders betroffen.“
Alle Rednerinnen und Redner machten deutlich, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Menschen mit Behinderungen gehören – so Grote – „nicht nur in Sonntagsreden, sondern in Schulen, Betriebe, Verwaltungen, Vereine, Nachbarschaften, Parlamente und auf Marktplätze wie diesen“.
Der Protesttag in Rodenkirchen zeigte eindrucksvoll, wie viele Menschen sich in der Wesermarsch bereits engagieren – und wie viel noch zu tun bleibt.
Auf dem kleinen Marktplatz standen zahlreiche Informationsstände von Vereinen und Organisationen, aber auch Unternehmen, die sich intensiv mit dem Thema Inklusion beschäftigen. Sie alle hielten Informationen für die interessierten Bürgerinnen und Bürger bereit, gaben Tipps und Hinweise und an zahlreichen Ständen wurde verschiedene Leckereien angeboten, von selbstgemachtem Zwiebelkuchen, über Suppen bis hin zu Süßem. (Fotos und Text: Kerstin Seeland)