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24.01.2026, Lokalredaktion
Beim Neujahrsempfang 2026 des Landkreises Wesermarsch, in der Markthalle Rodenkirchen, diskutierten Sönke Ehmen (Leiter Louis-Koopmann-Oberschule Berne), Silvia Warns (Leiterin Gymnasium Brake), Lars Otten (Leiter BBS Wesermarsch), Sabine Sondermann (Bildungsregion, Landkreis), Sven Jochims (Geschäftsführer Kreishandwerkerschaft) und Matthias Wenholt (Erster Kreisrat) über das Thema „Zukunft der Schule“. Wie gelingt Jugendlichen in der Wesermarsch der erfolgreiche Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf? Diese Frage stand im Mittelpunkt des breit besetzten Austauschs.
Corona-Folgen und Digitalisierung prägen den Schulalltag
Die Schulvertreter berichteten weiterhin von Lernrückständen und psychosozialen Belastungen, die aus der Pandemie nachwirken. Gleichzeitig hat Corona einen deutlichen Digitalisierungsschub ausgelöst: Digitale Lernplattformen, Distanzunterricht bei Ausfällen und neue Fortbildungsformate gehören inzwischen selbstverständlich zum Alltag. Einigkeit besteht darin, dass Schule weit mehr ist als ein Lernort – sie ist sozialer Raum, Schutzraum und Entwicklungsraum für Kinder und Jugendliche.
Landkreis investiert rund 17 Millionen Euro in moderne Lernumgebungen
Matthias Wenholt stellte umfangreiche Bau- und Sanierungsprojekte vor, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen: Gebäudehüllen, Dachsanierungen, Anbauten für Pflege- und Technikbereiche sowie neue Lernlandschaften an mehreren Standorten. Die Planungen erfolgen eng mit den Schulen und Architekten abgestimmt. Der Landkreis setzt dabei bewusst auf eine pragmatische Linie: „Must-have“ vor „Nice-to-have“, um Qualität zu sichern und Kosten im Blick zu behalten.
Betriebe melden Defizite in Basiskompetenzen
Sven Jochims machte deutlich, dass viele Betriebe Schwierigkeiten sehen, wenn Jugendliche mit Lücken in Deutsch und Mathematik in die Ausbildung starten. Diese Problemlagen beträfen keineswegs nur junge Menschen mit Migrationshintergrund. Sönke Ehmen und Silvia Warns bestätigten den Befund und verwiesen auf laufende Fördermaßnahmen. Sabine Sondermann verwies auf zusätzliche Leseförderprojekte, die der Landkreis über seine eigentlichen Aufgaben hinaus unterstützt.
Berufsorientierung ist breiter geworden – aber auch dichter
Silvia Warns, Sönke Ehmen und Lars Otten berichteten von einer deutlichen Ausweitung der Berufsorientierung in den vergangenen Jahren: verpflichtende Praktika, ein eigenes Berufsorientierungs-Fach, Messen, auf denen sich die Betriebe vorstellen, Betriebsbesuche und schulübergreifende Formate prägen inzwischen den Schulalltag. Gleichzeitig wurde die Frage diskutiert, ob Jugendliche durch die Vielzahl der Angebote gelegentlich überfordert sind. Einigkeit bestand darin, dass Praktika weiterhin das wirksamste Instrument für realistische Berufswahl bleiben.
Praktika als Schlüssel für gelingende Übergänge
Silvia Warns betonte, dass zusätzliche Praktika – auch außerhalb der regulären Vorgaben – ein Erfolgsfaktor sind. Betriebe wiederum signalisierten Bereitschaft, mehr Plätze anzubieten, sofern Kapazitäten vorhanden sind. Praktika seien „die optimale Quelle“, um Passung zwischen Jugendlichen und Betrieben herzustellen.
Berufsbildende Schulen stärken Orientierung und Vergleichskompetenz
Lars Otten stellte die Übergangsangebote der BBS vor, darunter das „Orientierungskarussell“ für Jahrgänge 8 und 9 sowie die neue „Berufsfachschule dual“, die Jugendlichen eine strukturierte Einordnung zwischen Wirtschaft, Technik und Gesundheit/Soziales ermöglicht. Diese Formate sollen realistische Vorstellungen fördern und Fehlentscheidungen reduzieren.
Bildungsregion Wesermarsch als Netzwerkdrehscheibe
Sabine Sondermann präsentierte ihre Projekte, darunter die erfolgreichen Hackdays „Make Your School/Medu School“, die mit Technikpaketen und Mentorinnen und Mentoren aus Informatik und Design arbeiten. Beispiele aus der Oberschule Jade und der Oberschule 1 Nordenham waren in der Markthalle vertreten. Ebenso wurde die mobile Leseförderung hervorgehoben, die mit interdisziplinären Teams in die Fläche geht. Beide Projekte gelten als wichtige Bausteine, um Basiskompetenzen zu stärken und Technikängste abzubauen.
INP-Innovationszentrum: Erfolgreich, aber finanziell herausfordernd
Das Innovationszentrum in Nordenham verzeichnet hohe Nachfrage, insbesondere bei technisch interessierten Jugendlichen zwischen 9 und 13 Jahren. Angesichts angespannter öffentlicher Haushalte wurde diskutiert, wie Handwerk und Industrie künftig stärker zur Finanzierung beitragen könnten, um das Angebot zu sichern und auszubauen.
Eltern als entscheidender Faktor
Mehrere Teilnehmende betonten, dass erfolgreiche Übergänge stark davon abhängen, wie gut Eltern ihre Kinder begleiten. Gleichzeitig müsse die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung weiter gestärkt werden, unterstrich Sven Jochims.
Gemeinsame Linie: Praxis stärken, Netzwerke ausbauen, Kompetenzen fördern
Die Runde verständigte sich darauf, praxisnahe Berufsorientierung weiter auszubauen, zusätzliche Praktikumsplätze zu gewinnen, die Projekte der Bildungsregion zu verstetigen und die finanzielle Beteiligung wirtschaftlicher Akteure am INP zu prüfen. Offene Fragen betreffen unter anderem konkrete Zielzahlen für Praktika, die langfristige Finanzierung des Innovationszentrums und eine systematische Strategie zur Stärkung der Grundkompetenzen.
Übergang Schule–Beruf: Praktika bleiben Schlüssel zum Erfolg
Im zweiten Austausch stand der Übergang in Ausbildung im Mittelpunkt. Betriebe berichten von Defiziten in Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen – ein Thema, das Schulen und Landkreis mit gezielten Fördermaßnahmen adressieren. Gleichzeitig wurde deutlich: Praktika sind das wirksamste Instrument, um Jugendlichen realistische Einblicke zu geben und Betrieben passende Nachwuchskräfte zu vermitteln. Schulen setzen daher verstärkt auf zusätzliche Praktikumsphasen und flexible Freistellungen.
Gemeinsames Ziel: Gute Bildung und starke Übergänge für die Region
Beide Gesprächsrunden machten deutlich, dass die Wesermarsch über engagierte Schulen, aktive Betriebe und funktionierende Netzwerke verfügt. Die zentralen Aufgaben der kommenden Jahre liegen in der Stärkung von Basiskompetenzen, dem Ausbau praxisnaher Berufsorientierung, der Sicherung moderner Lernräume und der nachhaltigen Finanzierung regionaler Bildungsangebote.
Der Austausch zeigte: Die Wesermarsch verfügt über engagierte Schulen, aktive Betriebe und starke Netzwerke. Entscheidend wird sein, diese Kräfte weiterhin zu bündeln, um Jugendlichen einen verlässlichen und erfolgreichen Start ins Berufsleben zu ermöglichen.
Der Landkreis kündigte an, diese Prozesse weiterhin eng zu begleiten und gemeinsam mit allen Partnern an einer starken, zukunftsfähigen Bildungslandschaft zu arbeiten. Zum Abschluss der Podiumsdiskussion erhielten alle Teilnehmenden eine Wesermarsch-Box mit Produkten aus der Region. (Foto und Text: Kerstin Seeland)
Titelfoto: von links: Sönke Ehmen, Sven Jochims, Lars Otten, Matthias Wenholt, Silvia Warns, Sabine Sondermann und Moderator Norbert Hartfil