Sie können uns unterstützen

05.08.2026, Lokalredaktion
Externe Expertise einzuholen ist keine Kritik – es ist gute Praxis
Die Debatte um die Arbeitsgruppe „Gesundheit 2040“ hat sich an einer Frage festgefahren, die so nie gestellt wurde. Das Frauennetzwerk Wesermarsch hat keine Sitze im Kreistag beansprucht und keine Entscheidungsbefugnis gefordert. Es hat angeregt, dort, wo Empfehlungen zur gesundheitlichen Versorgung von Frauen erarbeitet werden, die Perspektive von Fachverbänden und Betroffenen einzubeziehen. Angehört werden und mitentscheiden sind zwei verschiedene Dinge. Über die Frage der Legitimation musste deshalb gar nicht gestritten werden.
Es geht nicht um Männer gegen Frauen und nicht um einzelne Personen. Umso mehr sagt es aus, dass auf sachliche Kritik so persönlich reagiert wird. Wer eine Anregung zur Beteiligung als Angriff auf die eigene Arbeit liest, hat die Anregung nicht verstanden.
Denn in der Sache besteht längst Einigkeit. Die Arbeitsgruppe hat „unter Hinzuziehung von Experten“ gearbeitet. Externe Fachlichkeit einzubeziehen ist dort also bereits selbstverständliche Praxis. Strittig ist nur, wessen Fachlichkeit als einschlägig gilt. Wenn über Geburtshilfe, Gynäkologie und Frauenheilkunde beraten wird, wären der Hebammenverband und niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen naheliegende Gesprächspartner. In jedem anderen Politikfeld wäre eine solche Einladung nicht nur möglich, sondern üblich.
Ein Beispiel aus der Arbeit des Kreistages: Bei der Wirtschaftsförderung Wesermarsch wurde gerade der Gesellschaftervertrag geändert, damit die IHK Gesellschafterin werden kann. Niemand hat das als Misstrauensvotum gegen die bisherigen Gesellschafter verstanden – im Gegenteil, es galt als Stärkung. In der Kinder- und Jugendhilfe fragen wir uns regelmäßig, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene stärker eingebunden werden können, obwohl sie nicht selbst im Kreistag sitzen. Genau dieser Reflex hat hier gefehlt.
Gremien – und die Menschen, die in ihnen sitzen – müssen ihre eigenen Grenzen kennen. Das gilt besonders dort, wo nichtöffentlich getagt wird. Wo keine Öffentlichkeit mitliest, ersetzt nichts die bewusste Entscheidung, fehlende Perspektiven aktiv hinzuzuholen.
Und ja: Manches lässt sich aus eigener Erfahrung schlicht nicht nachvollziehen. Wie es ist, verzweifelt Hebammen abzutelefonieren, weil es kaum freie Plätze gibt. Wie schwer es sein kann, überhaupt einen Termin bei einer Gynäkologin zu bekommen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine schlichte Tatsache. Gerade als Männer stünde es uns gut zu Gesicht, die Grenzen des eigenen Wissens zu benennen und Kompetenz von außen einzubeziehen. Das schmälert weder das eigene Engagement noch die eigene Verantwortung – es stärkt beides.
Ein Wort zur Formulierung von „subjektiv empfundenen Benachteiligungen“: Mit neun Frauen im Kreistag ist die Unterrepräsentanz von Frauen kein Empfinden, sondern eine nachzählbare Größe. Wer Kritik so einordnet, macht es den Frauen schwerer, die sich ohnehin schon in zahlreichen Arbeitsgruppen und Fachausschüssen engagieren.
Wir schlagen deshalb vor, den Streit an dieser Stelle zu beenden und die Anregung einfach umzusetzen: eine Anhörung des Hebammenverbandes und der gynäkologischen Praxen im Ausschuss für Soziales und Gesundheit, bevor Handlungsempfehlungen in den Kreisausschuss gehen. Und für die neue Wahlperiode: Gremien vielfältiger besetzen und fachliche Expertise gezielt von außen einholen. Das ist möglich. Es kostet wenig. Und die Ergebnisse werden besser. (pm/lr)
Jürgen Janssen, Vorsitzender der GRÜNEN Kreistagsfraktion Wesermarsch