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25.04.2026, Lokalredaktion
Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion. Am stärksten betroffen waren die Ukraine, Belarus und Russland. Viele Menschen sind an den direkten und indirekten Auswirkungen gestorben, hunderttausende verloren dauerhaft ihre Heimat. Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen prägen die Region bis heute. In weiten Teilen Europas breitete sich die radioaktive Wolke aus und führte zu Belastungen, die bis heute messbar sind.
Die Explosion des Tausende Kilometer entfernten Atomreaktors veränderte auch das Leben in Deutschland. Aus einem abstraktem „Restrisiko“ wurde eine konkrete Erfahrung: Ein schwerer Atomunfall ist jederzeit möglich und hat langfristige Folgen, die nicht beherrschbar sind und an keiner Grenze Halt machen. Diese Erfahrung veränderte die energiepolitische Debatte dauerhaft.
Doch mit den Jahren und mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland verschob sich der Blick auf Tschernobyl. Die Katastrophe wurde zunehmend als historisches Ereignis wahrgenommen, präsent vor allem an Jahrestagen und in Rückblicken.
So entstand zunehmend der Eindruck, die Folgen des Unfalls seien beherrscht. Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde eine neue Schutzhülle über die Ruine geschoben: das New Safe Confinement (NSC). Die gigantische Stahlkonstruktion – das größte bewegliche Bauwerk der Welt – sollte die Reaktorruine und den alten Sarkophag stabilisieren, radioaktive Emissionen minimieren und den kontrollierten Rückbau ermöglichen. Das 1,5 Milliarden Euro teure ingenieurtechnische Großprojekt wurde 2019 fertiggestellt und war auf eine Lebensdauer von rund 100 Jahren ausgelegt. Die Ruine schien vorerst gesichert, die nächsten Schritte klar.
Krieg trifft Atomruine
Dann überfiel Russland die Ukraine. Der Krieg machte Tschernobyl plötzlich wieder zum Schauplatz des aktuellen Geschehens. Russische Soldaten besetzten zeitweise die Sperrzone rund um die Ruine, wirbelten radioaktiven Staub auf und zeigten, wie sehr Atomkraft von stabilen politischen Bedingungen abhängig ist. Die Angst war wieder da, zumindest für kurze Zeit. Doch nach dem Abzug der russischen Truppen aus der Sperrzone rückte Tschernobyl erneut aus dem Fokus.
Dabei sollte es nicht bleiben. Im Februar 2025 – nur sechs Jahre nach der Inbetriebnahme – traf eine russische Drohne. Der Einschlag riss ein etwa 15 Quadratmeter großes Loch in die Konstruktion. Drohnenteile durchschlugen sowohl den äußeren als auch den inneren Hallenbogen. Durch Trümmer und Splitter entstanden auf einer auf einer Fläche von rund 200 Quadratmetern weitere, kleinere Schäden. Mehrere Brände konnten zunächst gelöscht werden, flammten aber wochenlang immer wieder auf und breiteten sich zwischen den Bögen aus.
Ein Wettlauf gegen die Zeit
Bisher wurde keine erhöhte Radioaktivität gemessen. Doch die Regelung der Luftfeuchte im Inneren des NSC ist durch den Drohnentreffer beeinträchtigt, wodurch das Korrosionsrisiko steigt. ragende Bauteile wurden beschädigt, darunter Elemente der Krananlage, deren Stabilität inzwischen nicht mehr sicher eingeschätzt werden kann.
Einige Stellen wurden notdürftig geflickt und die Außenhaut provisorisch abgedichtet. Doch das Risiko, dass radioaktive Stoffe aus dem Inneren entweichen, bleibt erhöht – besonders wenn der instabile alte Sarkophag einstürzen sollte. Hinzu kommt, dass dessen Rückbau erst beginnen kann, wenn das NSC wieder voll funktionsfähig ist.
Die Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) ist entsprechend klar: Die Schäden müssen zeitnah repariert werden.
Schwebezustand
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) koordiniert ein Programm, das die Reparatur des NSC ermöglichen soll – die dafür veranschlagten rund 500 Millionen Euro sind bislang jedoch noch nicht vollständig zusammengekommen. In Abstimmung mit der ukrainischen Atomaufsicht soll ein Konzept entwickelt und bis 2030 umgesetzt werden.
Doch der andauernde Krieg macht die Instandsetzung extrem schwierig. Arbeiten müssen unter Strahlenschutzbedingungen, mit Spezialtechnik und teils ferngesteuerten Systemen stattfinden. Gleichzeitig erschweren unsichere Transportwege, unterbrochene Lieferketten und das Risiko weiterer Angriffe die Umsetzung. Unter diesen Bedingungen lassen sich größere Bauarbeiten weder zuverlässig planen noch sicher durchführen. Viele Maßnahmen werden daher erst nach einem Ende der Kampfhandlungen realistisch umsetzbar sein – wann das sein wird, ist offen.
Kein abgeschlossenes Kapitel
Auch 40 Jahre nach der Katastrophe ist Tschernobyl kein abgeschlossenes Kapitel und kein statischer Ort der Erinnerung. Die Strahlung nimmt nur sehr langsam ab, der Rückbau hat noch nicht einmal begonnen und die Anlage bleibt auf funktionierende Sicherheits- und Sicherungssysteme angewiesen. Der Umgang mit den Folgen des Super-GAUs bleibt eine dauerhafte Aufgabe, für die es keine Blaupause gibt.
Das steht im eklatanten Widerspruch zu der Deutung, dass die Folgen beherrscht seien. Diese Interpretation verharmlost die Risiken der Atomkraft und wird weder den zahlreichen Opfern der Katastrophe noch den bis heute anhaltenden Folgen gerecht. Deswegen ist es so wichtig, weiter daran zu erinnern, was in Tschernobyl wirklich passiert ist – und weiter passiert. (pm/lr)