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24.09.2026, Lokalredaktion
Rund 40 Fachkräfte und Interessierte diskutierten bei der Kreisvolkshochschule Wesermarsch in einem Online-Format, wie junge Menschen beim Übergang in ein selbstständiges Leben besser unterstützt werden können. Forschungsergebnisse der Universität Hildesheim trafen dabei auf Erfahrungen aus der Praxis.
Wie können junge Menschen beim Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben so begleitet werden, dass sie nicht zwischen Zuständigkeiten verloren gehen? Welche Unterstützung brauchen Care Leaver*innen? Und wie können Wohnungslosigkeit, Kontaktabbrüche und Versorgungslücken möglichst früh verhindert werden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Fachtag „Leaving Care und Wohnungslosigkeit – Forschung trifft Praxis“ am 22. September 2026.
Ursprünglich war der Fachtag als Präsenzveranstaltung im KoBi in Brake geplant. Kurzfristig entschied sich das Organisationsteam jedoch für eine Umstellung auf ein digitales Format. Was zunächst eine organisatorische Veränderung bedeutete, erwies sich zugleich als Chance: Durch die digitale Durchführung konnten deutlich mehr Interessierte auch über die Wesermarsch hinaus erreicht werden. Die Zahl der Anmeldungen stieg nach der Umstellung noch einmal an. Rund 40 Fachkräfte und Interessierte nahmen schließlich teil – nicht nur aus der Wesermarsch, sondern unter anderem auch aus Hannover, Emden und Magdeburg.
Organisiert wurde die Veranstaltung vom KVHS-Projekt „Step by Step im Raum 26“, bekannt als „Step 26“. Dr. Claudia Schütze, stellvertretende Leiterin der KVHS und verantwortlich für das Projekt: „Die 26 im Projektnamen greift den regionalen Postleitzahlenraum auf und steht sinnbildlich für die Verankerung des Projekts in der Wesermarsch. Junge Menschen sollen hier in der Wesermarsch die Unterstützung finden, die sie brauchen, um Schritt für Schritt ihren eigenen Weg in ein selbstständiges Leben zu gehen.“ Die 26 benennt aber auch eine Altersspanne, denn Step 26 kümmert sich um Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 26 Jahren.
Eröffnet wurde der Fachtag mit Grußworten von Hauke Grzibek, Koordinator von Step 26 beim Landkreis Wesermarsch, und Dr. Claudia Schütze. Beide machten deutlich, wie wichtig verlässliche Übergänge, niedrigschwellige Unterstützung und eine gute Zusammenarbeit der beteiligten Hilfesysteme für junge Menschen auf dem Weg in ein selbstständiges Leben sind. Durch das Programm führte Susanne Middelberg, leitende Koordinatorin des Jugendhilfebereichs der KVHS, die die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zusammenführte und den Austausch zwischen Forschung und Praxis moderierte.
Das Projekt Step 26 begleitet seit 2022 junge Menschen in der Wesermarsch, die auf dem Weg in ein selbstständiges Leben besondere Unterstützung benötigen. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Zielgruppen: Care Leaver sowie junge Menschen, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Care Leaver sind junge Menschen, die in Wohngruppen, Heimen oder Pflegefamilien gelebt haben und diese Hilfen auf dem Weg ins Erwachsenenleben verlassen. Sie müssen häufig früher als andere junge Erwachsene Verantwortung für Wohnen, Finanzen und Alltag übernehmen und können dabei oft nur sehr eingeschränkt oder gar nicht auf familiäre Unterstützung zurückgreifen.
Die zweite Zielgruppe sind junge Menschen, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Dabei geht es nicht nur um junge Menschen, die tatsächlich auf der Straße leben. Wohnungslosigkeit bleibt häufig verdeckt: Manche kommen vorübergehend bei Freunden, Bekannten oder Verwandten unter, ohne über einen eigenen und dauerhaft gesicherten Wohnraum zu verfügen. Dieses sogenannte Couchsurfing kann eine sehr instabile Lebenssituation bedeuten, weil oft unklar ist, wie lange die Unterkunft zur Verfügung steht. Schwierigkeiten bestehen beim Zugang zum Wohnungsmarkt, finanzielle Unsicherheiten, fehlende Kenntnisse rund um Mietverträge, Kaution oder Nebenkosten sowie Hemmschwellen gegenüber Behörden und Hilfesystemen. Step 26 setzt deshalb auf niedrigschwellige Beratung, Beziehungsarbeit und die Begleitung in passende Unterstützungsangebote.
Übergänge aus der Jugendhilfe bleiben eine besondere Herausforderung
Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete PD Dr. Severine Thomas vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem die Kinder- und Jugendhilfe, Leaving Care, die kommunale Organisation sozialer Dienste für junge Erwachsene, Bildungschancen von Care Leaver sowie Beteiligung und Kinderrechte. Sie gehört seit vielen Jahren zu den ausgewiesenen Forscherinnen im Themenfeld Leaving Care und hat unter anderem an Publikationen zu den Rechtsansprüchen von Care Leaverinnen sowie zur Nachbetreuung nach § 41a SGB VIII mitgewirkt.
In ihrem Vortrag rückte Thomas die besondere Situation junger Menschen in den Mittelpunkt, die stationäre Erziehungshilfen oder Pflegefamilien verlassen. Während junge Erwachsene heute insgesamt häufig deutlich länger auf Unterstützung durch ihre Familien zurückgreifen können, müssen Care Leaver vielfach wesentlich früher Verantwortung für Wohnung, Finanzen, Ausbildung und ihren gesamten Alltag übernehmen. Hinzu kommt, dass ihnen familiäre Ressourcen oftmals nur eingeschränkt oder gar nicht zur Verfügung stehen. In ihrem Vortrag formulierte sie, dass Kinder- und Jugendhilfe heute stärker teilhabeorientiert gedacht werden muss. Junge Menschen lassen sich nicht allein über einzelne Zuständigkeiten oder klar voneinander abgrenzbare Problemlagen betrachten. Vielmehr treffen häufig soziale, finanzielle, familiäre, gesundheitliche oder schulische Herausforderungen gleichzeitig aufeinander. Unterstützung muss deshalb an den tatsächlichen Lebenslagen und den individuellen Zielen der jungen Menschen ansetzen.
Wohnraum ist eine Voraussetzung für Teilhabe
Einen zweiten fachlichen Schwerpunkt setzte Natascha Jessica Feyer von der Universität Hildesheim mit dem Thema „Junge Menschen im Spannungsfeld von selbständigem Wohnen und Wohnungsnot“. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und beschäftigt sich insbesondere mit kommunalen Infrastrukturen für junge Menschen, rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit und der Frage, wie Unterstützungsstrukturen stärker an den Rechten und Lebenslagen junger Menschen ausgerichtet werden können.
Ein zentraler Punkt ist dabei der Wohnraum, denn eine eigene, sichere Wohnung ist weit mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für soziale Teilhabe und für den Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Gleichzeitig stoßen gerade junge Menschen bei der Wohnungssuche auf erhebliche Schwierigkeiten. Fehlender bezahlbarer Wohnraum, unsichere finanzielle Verhältnisse und Vorbehalte gegenüber jungen Mietern erschweren den Zugang. Das ist eine Erfahrung, die auch die beiden Mitarbeiter des Projekts „Step 26“ Andrea Südmersen und Janou Tornow in der Wesermarsch machen. Sie berichten, dass annehmbare Wohnangebote in allen Gemeinden fehlen und der Wohnungsmarkt für die Jugendlichen ohne Unterstützung nahezu verschlossen ist: „Leider bleibt uns manchmal nur die Möglichkeit, die jungen Menschen bei ihren Bekannten oder Freunden unterzubringen. Damit unterstützen wir eigentlich das Couchsurfing.“
Ein zentrales Ergebnis zog sich durch die verschiedenen Gesprächsrunden: Unterstützung muss niedrigschwellig, flexibel und stärker von den jungen Menschen aus gedacht werden. Klassische Beratungsstrukturen allein reichen nicht immer aus. Gleichzeitig braucht es verbindliche Ansprechpartner*innen und Personen, die junge Menschen durch unterschiedliche Hilfesysteme begleiten. Gerade dann, wenn Zuständigkeiten wechseln oder eine Hilfe endet, entstehen besonders sensible Übergänge. Damit diese nicht zu Abbrüchen führen, müssen Verantwortlichkeiten klar sein und Angebote stärker miteinander verzahnt werden.
Beziehungen und Netzwerke als Schlüssel
Ein gemeinsamer Nenner des Tages war die Bedeutung von Beziehungsarbeit. Junge Menschen benötigen nicht nur die formal richtige Leistung, sondern Menschen, denen sie vertrauen und die sie über längere Zeit begleiten. Gerade bei komplexen Problemlagen ist eine passgenaue Zuordnung zu nur einem Hilfesystem häufig kaum möglich.
Umso wichtiger ist ein funktionierendes Netzwerk aus Jugendhilfe, Beratungsstellen, Jobcenter, Wohnungswirtschaft, Bildungseinrichtungen, Verwaltung und weiteren Beteiligten. Dabei blieb eine Frage immer im Mittelpunkt: Was möchte der junge Mensch selbst? Unterstützung kann nur dauerhaft greifen, wenn die eigenen Ziele, Interessen und Vorstellungen der jungen Menschen berücksichtigt werden. Professionelle Hilfen sollen Wege eröffnen und Orientierung geben, nicht Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg treffen.
Für Step 26 ergibt sich daraus zugleich ein weiterer Auftrag: jungen Menschen in der Wesermarsch stärker Gehör zu verschaffen. Erste Versuche, ihre Perspektiven sichtbarer zu machen, gab es bereits. Auf dem Fachtag wurde jedoch deutlich, dass echte Interessenvertretung eine gemeinsame Aufgabe ist. Eine konkrete Idee, die aus dem Austausch entstand, ist deshalb die Gründung eines U25-Forums, in dem junge Menschen ihre Anliegen direkt einbringen und mit Fachpraxis, Verwaltung und weiteren Akteuren ins Gespräch kommen können. Interessierte junge Menschen, Fachkräfte und mögliche Kooperationspartner können sich bereits jetzt beim Projekt Step 26 melden und ihr Interesse an einer Mitwirkung bekunden.
Forschung und Praxis wirkungsvoll verbunden
Am Ende des Fachtages stand kein einzelnes Patentrezept, sondern ein deutliches gemeinsames Bild davon, was gelingende Übergänge brauchen: frühzeitige Unterstützung, niedrigschwellige Zugänge, verlässliche Beziehungen, klare Zuständigkeiten, bezahlbaren und guten Wohnraum und eine abgestimmte Zusammenarbeit der unterschiedlichen Hilfesysteme.
Step 26 wird im Rahmen des Programms „JUGEND STÄRKEN: Brücken in die Eigenständigkeit“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert und vom Landkreis Wesermarsch kofinanziert.
Wer Kontakt zu Step 26 aufnehmen möchte, kann dies über step26@kvhs-wesermarsch.de tun. (pm/lr)