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19.04.2026, Lokalredaktion
In der Markthalle Rodenkirchen kamen am Donnerstag zahlreiche Mitglieder des Kreislandvolkverbandes Wesermarsch zur Jahreshauptversammlung zusammen. Vorsitzender Dr. Karsten Padeken begrüßte neben den Landwirtinnen und Landwirten auch Vertreter der Kommunen, Landrat Stephan Siefken, MdL Karin Logemann (SPD) sowie Stefan Ortmann, Hauptgeschäftsführer des Landvolks Niedersachsen.
In seinem Jahresrückblick zeichnete Padeken ein differenziertes Bild der aktuellen Marktsituation. Die Rinderpreise seien weiterhin „relativ hoch“. Beim Milchpreis gebe es zwar aktuell „eine Delle“, doch für die zweite Jahreshälfte erwartet er eine Erholung – sofern keine unvorhersehbaren Ereignisse dazwischenkommen, „wie wir es in den letzten Jahren ja leider öfter erlebt haben“.

Mittel- und langfristig sieht Padeken die Milchbranche gut aufgestellt: Die Nachfrage sei stabil, die Lager nicht überfüllt, und sowohl Export als auch Lebensmitteleinzelhandel sorgten für einen zügigen Warenabfluss. Deutlich widersprach er der Darstellung, der Lebensmitteleinzelhandel habe durch niedrige Preise den Milchmarkt stabilisiert: „Diese Behauptung ist schlicht falsch.“
Mit Blick auf die geplante verbindliche vertragliche Lieferbeziehung zwischen Milcherzeugern und Molkereien stellte Padeken klar, dass diese Regelung von der Mehrheit der Milchviehhalter nicht gewünscht werde. Das genossenschaftliche System funktioniere gut. Die Aussage der zuständigen Ministerin, die Branche fordere diese Regelung, treffe nicht zu.
Die Investitionsbereitschaft der Betriebe sei weiterhin vorhanden – allerdings vor allem in Innen- und Außenwirtschaftsbereiche. In bauliche Maßnahmen werde dagegen „nur ganz wenig in Beton“ investiert. Grund seien große Unsicherheiten und langwierige Genehmigungsprozesse. Dr. Karsten Padeken richtete einen deutlichen Appell an den Landkreis: Man müsse sich stärker als Dienstleister verstehen und klar kommunizieren, was gemacht werden mus, um Investitionen zu ermöglichen.
Regionale Themen: Moorentwicklung und Vogelschutz
Seit Jahren beschäftigt die Landwirtschaft die Moor-Thematik. Nach Veröffentlichung der niedersächsischen Potentialstudie habe der Landkreis Wesermarsch einen Arbeitskreis eingesetzt. Ziel sei es, im Ipweger Moor eine „Leuchtturmregion“ zu entwickeln – verbunden mit einer Flurbereinigung, die Nutzungskonflikte entschärfen und die Infrastruktur verbessern könne. Hoffnung setzt man auf die neue Bundesförderung über die Paludi-Richtlinie, deren Veröffentlichung unmittelbar bevorsteht.
Auch die Vogelschutzgebiete wurden intensiv diskutiert. Gemeinsam mit dem Landkreis sei es gelungen, Zielzahlen für Wiesenvögel anzupassen. Die Arbeit im gemeinsamen Arbeitskreis werde fortgesetzt.
Wolf und Jagdrecht: Region könnte wolfsfreies Gebiet werden
Mit der Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht sei die Jagdbehörde nun handlungsfähiger, um bei Problemwölfen reagieren zu können. Zudem werde geprüft, ob Zuständigkeiten stärker auf Landesebene gebündelt werden. Der Managementplan sehe grundsätzlich die Möglichkeit vor, Regionen als wolfsfreie Gebiete auszuweisen.
Mercosur: Chancen und Sorgen der Landwirtschaft
Zu internationalen Handelsabkommen äußerte Padeken eine klare Grundhaltung: Sie seien in unsicheren Zeiten wichtig. Gleichzeitig gebe es in der Landwirtschaft berechtigte Sorgen wegen unterschiedlicher Produktionsstandards. Diese seien in den politischen Gesprächen vorgetragen worden – „und teilweise erfolgreich“.
Die Landwirtschaft sei nicht grundsätzlich gegen Mercosur, betonte der Vorsitzende. Für die Milchbranche sieht er sogar Chancen, während der Rindfleischbereich kritischer zu betrachten sei. Durch Nachverhandlungen seien die Risiken jedoch reduziert worden.
Offene Baustellen in Niedersachsen
Mehrere landespolitische Themen beschäftigen die Betriebe weiterhin:
- Niedersächsisches Agrarstruktursicherungsgesetz: eine „hartnäckige Baustelle“ mit großer Tragweite.
- Neues Wiesenvogelschutzprogramm: funktioniere „noch nicht so, wie es sollte“; die Abstimmungen laufen.
- Leitfaden Weidehaltung: mache die gewünschte Weidehaltung „in größeren Teilen sehr, sehr schwierig“ und bringe manche Betriebe an den Punkt, die Tierhaltung grundsätzlich infrage zu stellen.
Zum Abschluss richtete Padeken einen politischen Appell an Karin Logemann: Die Botschaft des niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies, Niedersachsen solle Agrarland Nummer 1 bleiben, „müsse wieder deutlich in den Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft thematisiert werden“.
Landrat Stephan Siefken betonte die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Kreislandvolk und Kreisverwaltung. Angesichts des tiefgreifenden Wandels in der Landwirtschaft sei es entscheidend, Herausforderungen gemeinsam anzugehen – etwa bei der Moorentwicklung oder der Umsetzung politischer Vorgaben. Die Wesermarsch profitiere davon, dass man miteinander statt übereinander rede. Beim Thema Wolf forderte er eine klare Umsetzung der Bundesvorgaben, damit die Region wolfsfrei bleiben könne. Siefken versicherte, die Landwirtschaft weiterhin als verlässlicher Partner zu begleiten und gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu entwickeln.
Bei den turnusmäßigen Wahlen wählten die Mitglieder einstimmig Dr. Karsten Padeken erneut zum Vorsitzenden, Hendrik Lübben zum stellvertretenden Vorsitzenden, sowie die Vorstandsmitglieder Dirk Hanken und Marco Hekert. Geehrt wurden an diesem Abend Betriebshelfer: Lutz Helms (40 Jahre im Dienst) und Thomas Garden – LK Wesermarsch/untere Naturschutzbehörde/Fachdienst 68 (30 Jahre).
Geschäftsführer Manfred Ostendorf gab einen Überblick über die Veranstaltungen des vergangenen Jahres, über bedeutende vertragliche Regelungen im Bereich des Leitungsbaus sowie über personelle Veränderung und technische Erneuerungen im Kreislandvolkverband. Derzeit liegt die Mitgliederzahl bei 1.476 (im Gegensatz zu 3000 im Jahr 1996), die Anzahl der Betriebe über 10 Hektar liegt bei 508. Die Durchschnittsgröße der Betriebe im Landkreis beträgt 160 Hektar mit durchschnittlich 165 Kühen, was einen rasanten Wandel und starkes Wachstum der verbleibenden Betriebe zeigt. Derzeit gibt es einen leichten Stopp beim Wachstum, aber der Strukturwandel bleibt eine zentrale Herausforderung.
Im Anschluss votierten die Mitglieder einstimmig für die Fortführung der freiwilligen Umlage für „Eure Landwirte – Echt Grün“ 2026–2028 im Kreisverband Oldenburg, die von Hendrik Lübben vorgestellt wurden. Die Kampagne hat den Anspruch unabhängig und branchenfinanziert zu kommunizieren, statt von Konzernen abhängig zu sein und hat das Ziel Dialoge statt Debatten zu führen, Vertrauen aufzubauen, Transparenz sowie Akzeptanz und Integration der Landwirtschaft in der Gesellschaft zu schaffen. (Fotos und Text: Kerstin Seeland)
Titelfoto: von links: Thomas Garden, Dr. Karsten Padeken, Dirk Hanken, Hendrik Lübben und Marco Hekert