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19.04.2026, Lokalredaktion
In seinem ausführlichen Vortrag während der Jahreshauptversammlung des Kreislandvolkverbandes zeichnete Stefan Ortmann, Hauptgeschäftsführer Landvolk Niedersachsen/Landesbauernverband, ein klares Bild der aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der Landwirtschaft. Mit frischen Eindrücken aus Berlin und Brüssel ordnete er Markttrends, politische Rahmenbedingungen und zentrale Handlungsfelder für Niedersachsen ein.

Landwirtschaft im Spannungsfeld von Märkten, Kosten und Politik
Stefan Ortmann machte deutlich, dass die Landwirtschaft in Niedersachsen weiterhin von hoher Marktvolatilität, steigenden Produktionskosten und einem zunehmend schwierigen Investitionsumfeld geprägt ist. Obwohl die Nachfrage stabil sei – der Fleischkonsum steige sogar wieder – müssten die Betriebe bis 2026 mit deutlichen Ergebnisrückgängen rechnen. Besonders betroffen seien die Veredelungsbetriebe mit erwarteten Einbußen von rund 30 Prozent.
Gleichzeitig blockierten politische Entscheidungsprozesse auf Bundes- und EU-Ebene dringend notwendige Weichenstellungen. Wichtige Gesetzesnovellen wie das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz, die Baurechtsnovelle oder die TA-Luft seien zwar fertig, aber nicht beschlossen. Auf EU-Ebene stehe der Agrarhaushalt unter Druck, während die Zukunft der GAP nach 2028 unklar sei.
Tierhaltung: Umbau braucht klare politische Rückendeckung
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Tierhaltung. Stefan Ortmann betonte, dass Niedersachsen eine starke Tierhaltungsregion bleiben könne – vorausgesetzt, die Politik sende ein eindeutiges Signal: „Wir wollen starke Tierhaltung.“ Dazu brauche es:
- planungssichere Rahmenbedingungen
- privilegierte Tierwohlställe
- verlässliche Ausgleichszahlungen
- schnellere Genehmigungen
Besonders dringlich sei die Lage in der Sauenhaltung, wo Investitionsbereitschaft vorhanden sei, aber an fehlender Baurechtsklarheit scheitere.
Pflanzenbau und Regulierung: praxistaugliche Lösungen statt zusätzlicher Bürokratie
Im Pflanzenbau forderte Stefan Ortmann EU-konforme, aber praxistaugliche Anpassungen im Dünger- und Pflanzenschutzrecht. Entscheidungen müssten schneller fallen – etwa bei der Ausbringung auf gefrorenem Boden. Er verwies darauf, dass Rückstände im Pflanzenschutz häufig aus außereuropäischen Importen stammten, während zusätzliche EU-Dokumentationspflichten die heimischen Betriebe belasteten, ohne das Problem zu lösen.
Investitionsklima: „Investieren macht keinen Spaß“
Deutlich kritisierte Stefan das schlechte Investitionsklima in Deutschland. Lange Verfahren, hohe Auflagen und ein komplexes Vergaberecht führten zu einem Investitionsstau, der die Wettbewerbsfähigkeit gefährde. Deutschland sei im internationalen Standortvergleich auf Rang 24 abgerutscht. Er forderte:
- Vereinfachungen im materiellen Recht
- standardisierte Genehmigungsprozesse
- eine stärkere Risikoausgleichsrücklage
- die Mobilisierung privaten Kapitals
Wasser, Flächen, Moore: Nutzungskonflikte intelligent lösen
Beim Wasser- und Flächenmanagement sprach sich Stefan für ein aktives Wassermanagement und den Schutz des landwirtschaftlichen Brunnennetzes aus. Eigentumsrechte bei der Moornutzung müssten gesichert bleiben. Pauschale Flächeninstrumente wie ein mögliches „Naturflächenbedarfsgesetz“ lehnte er ab. Stattdessen brauche es multifunktionale Lösungen, die Landwirtschaft, Naturschutz und Infrastruktur zusammendenken.
Agrarstruktur, Pacht und Grünland
Für Niedersachsen seien ein modernes Agrarstrukturverbesserungsgesetz, flexiblere Pachtregeln und der Abbau veralteter Anzeigepflichten zentral. Beim Grünland betonte Stefan Ortmann die Bedeutung des Wirtschaftsgrünlands als Grundfutterbasis. Der „Niedersächsische Weg“ müsse schneller umgesetzt werden; die zugesagte mehrjährige Finanzierung sei ein wichtiges Signal.
Energie, Digitalisierung und Export: Chancen nutzen
Stefan Ortmann hob die Rolle der Biogaswirtschaft als systemrelevanten Baustein hervor und forderte eine klare energiepolitische Einordnung. Digitalisierung sei ein entscheidender Hebel für Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Im Export brauche es eine stärkere Regionalisierung – etwa im Handel mit China – und ein konsequentes Level-Playing-Field: Wenn Importe mit niedrigeren Standards zugelassen würden, müssten EU-Vorgaben daran gespiegelt werden.
Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit
Erfolgreiche Interessenvertretung müsse auf allen Ebenen stattfinden – kommunal, landesweit, bundesweit und in Brüssel. Stefan Ortmann verwies auf positive Beispiele wie die erfolgreiche Einflussnahme beim Thema Milch. Öffentlichkeitsarbeit bleibe entscheidend, um gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken. Initiativen wie „Echt Grün/Recht-Grün“ seien dafür wichtige Bausteine.
Fazit: Herausforderungen groß – Chancen ebenso
Trotz aller Belastungen zeigte sich Stefan optimistisch: Niedersachsen verfüge über starke Wertschöpfungsketten, hohe Kompetenz in Tierhaltung und Pflanzenbau sowie steigende Ausbildungszahlen in grünen Berufen. Mit klaren politischen Entscheidungen und einer verlässlichen Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Verwaltung und Politik habe die Branche „alle Chancen, die Transformation erfolgreich zu bewältigen“. (Foto und Text: Kerstin Seeland)