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07.07.2026, Lokalredaktion
Als Landrat Stephan Siefken während der vorletzten Sitzung des Kreistages auf die auslaufende Wahlperiode zurückblickte, ging es ihm um die Frage: Was bleibt von den vergangenen fünf Jahren?
Seine Antwort fiel eindeutig aus. Die Wesermarsch habe in einer Zeit außergewöhnlicher Herausforderungen einen tiefgreifenden Wandel vollzogen. Nicht einzelne Projekte stünden dafür, sondern eine strategische Entwicklung, die den Landkreis langfristig verändern werde.
„Die Wesermarsch des Jahres 2026 ist nicht mehr dieselbe wie im Jahr 2021“, sagte Siefken. „Sie ist moderner, sichtbarer, besser vernetzt, wirtschaftlich stärker aufgestellt, digitaler, inklusiver und zukunftsfähiger.“
Dass diese Bilanz überhaupt möglich sei, erscheine angesichts der vergangenen Jahre alles andere als selbstverständlich. Als der Kreistag 2021 seine Arbeit aufnahm, prägte die Corona-Pandemie noch immer den Alltag. Es folgten der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, explodierende Energiepreise, unterbrochene Lieferketten und ein wachsender finanzieller Druck auf die kommunalen Haushalte. Gleichzeitig begann mit der Energiewende die größte industrielle Transformation seit Generationen. „Es wäre einfach gewesen, diese Zeit nur zu verwalten“, sagte Siefken. „Genau das haben wir gemeinsam nicht getan.“
Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Bilanz. Für den Landrat waren die vergangenen fünf Jahre nicht in erster Linie eine Phase des Krisenmanagements, sondern eine Zeit der Weichenstellungen. Viele Entscheidungen seien nicht auf kurzfristige Effekte ausgerichtet gewesen, sondern auf die Frage, wie die Wesermarsch in zehn oder zwanzig Jahren aufgestellt sein werde.
Besonders sichtbar werde das am Ausbau der Region zu einem der wichtigsten Energie- und Wasserstoffstandorte Deutschlands. Projekte wie die H2-Wesermarsch, die Energiedrehscheibe Wesermarsch, das Net-Zero Valley oder der geplante NordWest Hub in Ovelgönne stünden beispielhaft für diesen Wandel. Für Siefken erschöpft sich die Energiewende dabei nicht in neuen Leitungen, Umspannwerken oder technischen Kennzahlen.
„Es geht nicht um Stromleitungen oder Megawatt“, sagte er. „Es geht darum, wo künftig Wertschöpfung entsteht. Wo entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft? Wo investieren Unternehmen? Und wo wollen Menschen leben und arbeiten?“ Für den Landkreis sei die Energiewende deshalb zugleich Wirtschafts- und Strukturpolitik. Ziel sei es gewesen, die Chancen der Transformation nicht nur zu begleiten, sondern aktiv für die Entwicklung der Region zu nutzen.
Diesen Gedanken griff Stephan Siefken auch beim Thema Wirtschaftsförderung auf. Mit der Weiterentwicklung des Maritimen Kompetenzzentrums (EMP) in Nordenham zum MINT-Standort, der Mitarbeit in der Zukunftsregion JadeBay sowie der Gründung einer interkommunalen Gewerbeparkgesellschaft habe sich der Landkreis strategisch neu aufgestellt. Dass neun Kommunen heute gemeinsame wirtschaftliche Ziele verfolgen, bezeichnete er als Ausdruck eines neuen Verständnisses regionaler Zusammenarbeit.
Mindestens ebenso prägend sei die Entwicklung der Gesundheitsversorgung gewesen. Kaum ein anderes Thema habe den Kreistag so intensiv beschäftigt wie die Sicherung medizinischer Angebote im ländlichen Raum. Der Aufbau des Regionalen Versorgungszentrums in Nordenham, neue hausärztliche Angebote, Verbesserungen bei der Hebammenversorgung, zusätzliche Facharztstrukturen sowie die Begleitung der Diskussionen um die stationäre Krankenhausversorgung seien Ausdruck dieser gemeinsamen Verantwortung. „Die Menschen erwarten Antworten“, sagte Siefken. „Deshalb haben wir dort gehandelt, wo wir handeln konnten.“
In diesem Zusammenhang begrüßte der Landrat ausdrücklich die Bereitschaft der Unternehmensgruppe Helios, die Bereiche Gynäkologie und Geburtshilfe wieder anzubieten. Zugleich äußerte er Unverständnis darüber, dass es nach seinem Kenntnisstand bislang keinen Austausch zwischen Helios und dem Landkreis Friesland gegeben habe, obwohl Gesprächsbereitschaft signalisiert worden sei. Im Mittelpunkt müsse die medizinische Versorgung der Menschen in der Region stehen. Auch der Aufbau des Hospiz- und Palliativhauses sei ein Beispiel dafür, wie der Landkreis Verantwortung über seine klassischen Zuständigkeiten hinaus übernommen habe.
Als Investition in die Zukunft bezeichnete Siefken die umfangreichen Maßnahmen im Bildungsbereich. Millionenbeträge seien in Schulen investiert worden – in Gebäude ebenso wie in moderne Ausstattung und digitale Lernformen. Die Gründung der Louis-Koopmann-Oberschule in Berne, die Weiterentwicklung der Berufsbildenden Schulen und neue pädagogische Konzepte seien Teil einer langfristigen Bildungsstrategie. „Die wichtigste Investition einer Gesellschaft bleibt die Investition in Kinder und Jugendliche.“
Dass Zukunftsgestaltung mehr bedeute als Infrastruktur, machte der Landrat auch am Thema Inklusion deutlich. „Inklusion ist kein Projekt. Inklusion ist eine Haltung“, sagte er. Mit einem eigenen Referat, einer Inklusionslotsin und einer Kreisbehindertenbeauftragten seien dauerhafte Strukturen geschaffen worden. Veranstaltungen wie die Inklusionswoche oder das inklusive Seniorenwohnprojekt in Ovelgönne zeigten, wie aus dieser Haltung konkrete Teilhabe entstehen könne.
Parallel dazu habe sich auch die Kreisverwaltung selbst grundlegend verändert. Digitale Bauakten, Online-Terminvergaben, Livestreams der Kreistagssitzungen, das digitale Amtsblatt und zahlreiche weitere Digitalisierungsprojekte hätten die Verwaltung moderner und bürgernäher gemacht.
Hinzu kämen langfristige Maßnahmen in den Bereichen Klimaschutz, Wassermanagement und Katastrophenschutz. Viele dieser Projekte stünden nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, bildeten jedoch die Grundlage für die Entwicklung der kommenden Jahre.
Bei aller inhaltlichen Bilanz verlor Siefken den politischen Prozess nicht aus dem Blick. Er dankte allen Fraktionen des Kreistages für die Zusammenarbeit während der vergangenen fünf Jahre. Unterschiedliche Positionen und kontroverse Debatten gehörten zur Demokratie. Entscheidend sei gewesen, dass am Ende gemeinsam Verantwortung übernommen worden sei. „Genau so muss Demokratie funktionieren.“
Zugleich widersprach der Landrat der Darstellung, die Arbeit des Kreistages habe sich auf den Erhalt des Bestehenden beschränkt. Wer die vergangenen Jahre auf reine Bestandssicherung reduziere, werde weder den erzielten Ergebnissen noch der gemeinsamen Arbeit der demokratischen Fraktionen gerecht.
Am Ende seiner Rede stand deshalb weniger ein Rückblick als ein Ausblick. Viele der begonnenen Projekte würden ihre Wirkung erst in den kommenden Jahren entfalten. Für Siefken ist genau das das eigentliche Vermächtnis dieser Wahlperiode: Die Grundlagen für die Zukunft seien gelegt.
„Wenn künftige Generationen auf diese Wahlperiode zurückblicken“, sagte der Landrat, „werden sie sehen, dass die Wesermarsch die Weichen für ihre Zukunft gestellt hat.“ Mit diesen Worten schloss Siefken seine Bilanz und verband sie mit einem Satz, der zugleich Anspruch und Selbstverständnis des Landkreises formuliert: „Die Wesermarsch macht den Unterschied. Sie ist echt. nordisch. gut.“ (Foto und Text: Kerstin Seeland)