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03.07.2026, Lokalredaktion
Der ver.di‑Ortsverein Wesermarsch hat einen offenen Brief an den Niedersächsischen Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Andreas Philippi, veröffentlicht. Hintergrund ist die sich zuspitzende Lage der Gesundheitsversorgung in der Region sowie die aus Sicht der Gewerkschaft fehlende politische Reaktion auf dringliche strukturelle Probleme.
Beim Pressegespräch stellten sich die Vertreter des Ortsvereins vor: Matthias Herrmann, Vorsitzender, Tammo Greetveld, stellvertretender Vorsitzender, sowie Oliver Barth, hauptamtlicher Wirtschaftssekretär bei ver.di. Ergänzt wurde die Runde durch die ver.di‑Mitglieder Andreas Nass, Jörn Haats und Torben Hafeneger.
Auslöser: monatelange vergebliche Gesprächsanfrage an den Minister
Bereits Anfang Mai hatte ver.di den Minister zu einem Austausch eingeladen – entweder nach Brake oder Nordenham, oder alternativ zu einem Besuch in Hannover. Bis heute blieb die Anfrage unbeantwortet. Daher entschied sich der Ortsverein, die erarbeiteten Positionen öffentlich zu machen.
Acht zentrale Forderungen für die Gesundheitsversorgung in der Wesermarsch
Die Gewerkschaft benennt acht Kernpunkte, die aus zahlreichen Gesprächen mit Beschäftigten, Interessenvertretungen und Bürgerinnen und Bürgern entstanden sind:
- Gesundheitsentwicklungsplan Die Region brauche eine klare Strategie, wie medizinische Versorgung künftig gesichert werden kann.„Wir fordern daher Punkt 1: einen Gesundheitsentwicklungsplan für die Wesermarsch.“
- Planungssicherheit für die Krankenhauslandschaft Rund 600 Beschäftigte arbeiten in den beiden Kliniken Brake und Nordenham – inklusive Servicegesellschaften.„Das sind mittlerweile rund 600 Personen, die dort beschäftigt sind.“
- Tarifgebundene Arbeitsplätze ver.di fordert verbindliche Tarifstrukturen – unabhängig von kirchlichen Trägern oder Servicegesellschaften.
- Stärkung der Frauengesundheit Die Geburtshilfe sei faktisch nicht mehr vorhanden; Frauen müssten teils weit fahren, um gynäkologische Versorgung zu erhalten.„Das Gebären eines Kindes ist in diesem Landkreis scheinbar nicht mehr […] möglich.“
- Sicherung der haus- und fachärztlichen Versorgung Viele Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf; Termine sind kaum zu bekommen.
- Zukunft der Geburtshilfe und Familienversorgung Fehlende Geburtshilfe sei ein Standortnachteil und erschwere Familien, sich in der Region niederzulassen.
- Stärkung der Ausbildung Pflegekräfte seien knapp, würden abgeworben oder seien mit Arbeitsbedingungen unzufrieden.
- Landkreisübergreifende Planung Spezialisierte Zentren seien sinnvoll, doch die Grundversorgung müsse wohnortnah gesichert bleiben.
Regionale Entwicklungen verschärfen die Lage
Oliver Barth verwies auf die Situation im Gesundheitscampus Varel, wo rund 300 Fachkräfte neue Arbeitsplätze suchen müssen. Zudem kritisierte er die intransparenten Planungen in Wilhelmshaven und Friesland sowie die hohen Kosten und Fehlplanungen beim Klinikneubau. Duch die zunehmende „kalte Strukturbereinigung“ – das Ausdünnen der Krankenhauslandschaft durch Insolvenzen – sei ein bundesweites Problem.
Belastung für Beschäftigte und Bevölkerung
Die Vertreter schilderten eindrücklich, wie weit Patientinnen und Patienten inzwischen fahren müssen, um medizinische Hilfe zu erhalten. Für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen bedeute die Unsicherheit eine enorme Belastung. „Systemrelevante Jobs und dennoch dieses ewig lange Erdulden müssen von Unklarheit.“
Appell an die Politik
ver.di fordert ein entschiedenes Handeln und eine klare Strategie für die Gesundheitsversorgung im Nordwesten. „Wir stellen uns jetzt einfach mal ganz naiv dahin und sagen, wir fordern ein.“ Die Gewerkschaft betont, dass die Bevölkerung ein Recht auf verlässliche medizinische Versorgung habe – und dass die Politik dieses Recht endlich ernst nehmen müsse. (Foto und Text: Kerstin Seeland)
Titelfoto: von links: Oliver Barth, Torben Hafeneger, Tammo Greetveld, Matthias Herrmann, Jörn Haats und Andreas Naß